Und immer wieder Greifswald

Die Universität Greifswald hatte nicht nur in der Vergangenheit ein Problem mit ihrem reaktionären Auftreten und einer Unipolitik, die menschenverachtendes Gedankengut eher beförderte, als es zu unterbinden. Dem entgegen standen häufig Student*innen der Universität. Aktuell sorgte allerdings der AStA für einen Eklat, indem er zu einer Podiumsdiskussion NPD und AFD einlud. Im Zentrum dieses Entschlusses steht ein Verständnis von Demokratie, das gefährlicher nicht sein könnte.

Eine Podiumsdiskssion mit echten Nazis
Es nähert sich die Landtagswahl in MV und dazu gehört an der Uni Greifswald eine Podiumsdiskussion mit den Vertreter*innen der Parteien. In diesem Jahr sollten auch die rassistischen Propagandisten von NPD und AFD mit von der Partie sein. Die Begründung des AStA war, dass: „[…] ein gesundes Demokratieverständnis eine kontroverse Diskussion mit allen Parteien zulasse.“
Im Folgenden äußerte die studentische Initiative „Uni ohne Nazis“, dass dies „absurd und widerlich“ sei.
Auf der nächsten AStA Sitzung wurde dann auch ein Antrag eingebracht und angenommen, der den sicherlich bereits frohlockenden Nazis einen Strich durch die Rechnung machte.
Der Dank dafür gilt den couragierten Student*innen, die nicht nur medial die AStA Leitung unter Druck setzten und so Schlimmeres verhindern konnten.

Mit Nazis soll man doch nicht reden…
Während der Debatte musste immer wieder das zu kurz gedachte Demokratieverständnis der Verantwortlichen für die „Einladung an Rechts-Außen“ herhalten. Auch die Argumentation in der Sitzung zum Gegenantrag beschränkte sich in weiten Teilen darauf, dass gemäß dem Schweriner Weg ja die anderen Parteien nicht kommen würden, sollte die NPD/AFD tatsächlich eingeladen werden.
Das ist formal natürlich eine gute Begründung und mag den Gegner*innen der Idee als stärkstes Argument erschienen sein, verkennt aber, dass es wichtigere Gründe für die Entscheidung gibt, keine menschenverachtende Propaganda in die Uni einzuladen.

Klar gegen völkische Hetze einstehen
So wäre es von Nöten, eine klare humanistische/antifaschistische Gegenposition zu völkischer Hetze zu beziehen. Es ist erschreckend genug, wie häufig diese aktuell ein Sprachrohr abseits des Straßenspuks immergleicher Nazitrauermärsche erhält. Auch im Angesicht rechter Morde und anderer Straftaten in MV kann sich nicht hinter dem Fehlschluss versteckt werden, dass es demokratisch wäre, diesen Gedanken Raum zu geben.

Meinung falsch verstanden
Dieses Demokratieverständniss geht davon aus, dass alle Meinungen legitim seien, wenn es nur eine dazugehörige Partei gäbe. Dabei wird übersehen, dass z.B. Rassismus und Nationalismus Ideologieelemente sind, denen ein Vernichtungsgedanke genuin ist. Die zweite Annahme liegt darin, dass im Widerstreit die besseren Argumente obsiegen müssten. Doch so funktioniert rechte Propaganda eben nicht. Menschenverachtende Haltungen sind Teil der sogenannten Mehrheitsgesellschaft und sind massiv in dieser vertreten. Umso legitimer diese errscheinen, desto massiver treten sie auf.

Ein deutsches Märchen
Bereits seit längerem wabert das Märchen durch die BRD, dass man den vermeintlichen Ängsten besorgniserregender BürgerInnen Gehör schenken müsste. Das Gegenteil ist der Fall. Es gilt, den Rassimsus als das Problem zu benennen und sich diesem durchaus auch argumentativ zu stellen. Jedoch nicht um AFDlerInnen und andere WutbürgerInnen zu bekehren, sondern um Betroffene zu schützen und diese Positionen gesellschaftlich zurückzudrängen.
Der Wunsch, das ekstatisch gewordene Volk wieder in den eigenen Volkskörper zu reintegrieren, zeigt sich deutlich in den Forderungen von demokratischen Parteien „den Rechten nicht diese Themen zu überlassen“.

Rechts mit Tradition
Der jüngste Fall zeigt jedoch wieder, dass es in Greifswald viele Menschen gibt, die nicht der Meinung sind, dass faschistoiden Parolen entspannt auf einer Podiumsdiskussion gelauscht werden könnte, in der Hoffnung, dass da schon jemand etwas gegen sagen werde.
Dies ist umso erfreulicher, da die Greifswalder Universität traditionell kein Problem damit hat, emanzipatorischen Bestrebungen das Leben so schwer wie irgend möglich zu machen.

Inhaltsleere Plaketten
Auf der Internetpräsenz der Uni erscheint übergroß das Logo der „Weltoffenen Hochschule gegen Fremdenfeindlichkeit“. Dazu passend trägt sie immer noch den Namen Ernst Moritz Arndts. Auch gegen monatelange Proteste von Student*innen wurde die Unileitung nicht müde zu betonen, dass sie es eigentlich nicht sonderlich schlimm finde, den Namen eines erklärten Antisemiten und Nationalisten zu tragen.

Nazis an der Uni
Da passt es auch gut ins Bild, dass ein Extremist der Mitte einen Jura Lehrstuhl hat und fleißig einen Neonazi promoviert. Während das erstere nicht einmal als Problem gesehen wird, ist zweiteres nach bundesweiter Presse zwar doof gelaufen, aber nun nicht mehr zu ändern. Auch das gehört in Greifswald anscheinend zur Tradition. Bereits 2008 schrieb der Biotechnologiestudent und Neonazikader Ragnar Dam dort seine Diplomarbeit.

AStA Stellen sind vakant
Nachdem der dreiköpfige AStA Vorsitz nun zurückgetreten ist, bleibt zu hoffen, dass ihm kompetentere Personen ins Amt folgen. Den Zurückgetretenen war die Debatte zu persönlich geworden. Zu ihren letzten Amtshandlungen gehörte es bezeichnenderweise, den Unijustiziar auf den Plan zu rufen, damit dieser prüfen konnte, ob es gegen das allgemeine Mandat verstoßen würde, einen Bus zu den Gegenprotesten zum 8. Mai in Demmin zu organisieren. Die wohl erhoffte Antwort lautete, dass man zwar Antifaschismus keinen Knüppel zwischen die Beine werfen wolle, es aber trotzdem tun würde, indem man einschätzt, dass ein Bus zu Gegenprotesten nicht vom AStA organisiert werden dürfe.

Nachtrag 21.05.
Wie in dem untenstehende Kommentar richtig angemerkt wurde, ist nicht der AStA Vorsitz zurückgetreten, sondern das StuPa Präsidium. Das StuPa hatte vorher durch einen Beschluss den AStA angewiesen die Veranstaltung abzusagen. Leon*a Schmidt (Pressesprecher*in der Kritischen Uni Rostock) bedankt sich für diesen Kommentar und gibt an, bei der nächsten nächtlichen Recherche auf den vierten Kaffee zu verzichten.


1 Antwort auf „Und immer wieder Greifswald“


  1. 1 Bernd 17. Mai 2016 um 16:25 Uhr

    Der Greifswalder ASTA ist nicht zurückgetreten, sondern das StuPa-Präsidium. Insofern hinken dann auch einige hinhaltliche Schlüsse. Und: Der AStA hat in einer zweiten Sitzung keinen Beschluss aufgehoben, sondern das StuPa. Entweder ihr recherchiert mal richtig oder hört besser zu, wenn durch Hörensagen Infos vom Ryck an die Warnow gelangen. Sonsts wird es peinlich…

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