Demmin – Ein Opfermythos der Straße und der Wissenschaft

Die Suizide von Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges sind ein politisch umkämpftes Thema. Demmin ist dabei Austragungsort einer aktiven Täter-Opfer-Umkehr, die sowohl auf der Straße, als auch in der Wissenschaft stattfindet. In letzterer spielt auch ein Dozent vom Historischen Institut der Uni Rostock eine Rolle.

„Ehrendienst“
In Demmin treffen sich seit 2006 Nazis am 8. Mai zum „Ehrendienst“, einem „Trauermarsch“ mit Fackeln und andächtiger Musik. Sie legen Kränze in die Peene, um der deutschen Durchhalte-Suizidalen von 1945 zu gedenken, die mit ihren letzten Atemzügen im nationalsozialistischen Deutschland noch ein paar Rotarmisten mit in den Tod nahmen. Die Rote Armee wollte eigentlich nach Rostock, aber sich zurückziehende Wehrmachtsverbände und die SS hatten die Brücken auf ihrem Rückzug gesprengt. So hatte die Gemeinschaft in Demmin noch ausreichend Zeit am ersten Tag der Besetzung ihres Ortes 17 Rotarmisten zu erschießen und noch weitere mit vergiftetem Wein zu töten, woraufhin es zu erneuten kriegerischen Handlungen seitens der Roten Armee kam. Besonders empören sich Volksgenossen über sexuelle Gewalt an Volksgenossinnen – über Taten, die erst relevant werden, wenn sie das ‚eigene Blut` treffen und Nicht-Deutsche die Täter sind.

Zahlenspiele mit Dr. Mrotzek
Geschichtspolitisch kommt besonders Fred Mrotzek vom Historischen Institut der Uni Rostock in Fahrt, wenn es um den Opfermythos Demmin geht. „Das Geschehen verursachte bei den Menschen eine Massenhysterie” sagt er dazu im Stern.
Die Bundeszentrale für Politische Bildung bezieht sich auf Zahlen bestätigter Beerdigungen aus dem Regionalmuseum Demmin, wenn sie von 500 bis 700 Freitoten ausgeht. Für Neonazis und Geschichtsrevisionist*innen scheint es besonders sinnvoll und notwendig zu sein, diese Zahl zum Teil ins Groteske zu erhöhen. So spricht der „Blog gegen die Weltherrschaft“ von 1000 Suizidalen. Klar, dass sich einige Naziseiten oder Vertriebene bei den von ihnen gezählten Toten auf die Erkenntnisse Mrotzeks beziehen. Dieser schätzt, dass 1200 bis 2500! Demminer*innen Suizid begingen – ob bewusst oder unbewusst: zum Stichwortgeber für RechtsAußen macht er sich damit allemal.

Geschichte wird gemacht
Für Revisionist*innen ist eine hohe Zahl an Selbsttötungen notwendig, um das „Deutsche Leid“ nach der Niederlage des Nationalsozialismus mit kruden Mitteln hochzustilisieren. Nachdem es gelungen ist, die Märchen als Lügen zu enttarnen, die besagen, dass nicht nur das Deutsche Reich eine Kriegsschuld trägt und auch das deutsche Volk als Mittäter überführt wurde, scheint das der einzige Ausweg zu bleiben.
So müssen sie die vermeintlichen Gräuel der Niederlage immer wieder betonen und so lange auf menschenverachtende Weise gegen andere aufwiegen, bis zum Schluss das deutsche Volk als Opfer des NS und der Alliierten stehenbleibt.

Aufopferung bis in den Tod
Das Neue Deutschland scheint bessere Fragen abseits von Zahlen zu stellen, etwa danach, wieso so viele Demminer*innen Gift bei sich lagerten und welche Propaganda der Roten Armee eigentlich vorauseilte? Diese trug schließlich auch dazu bei, dass die Deutschen eher verzweifelt am „Endsieg“ festhielten und weiter kämpften anstatt die Aussicht auf ein Leben ohne Führer, Volk und Vaterland anzunehmen. Als der Endsieg nicht mehr zu erreichen war und der ‚bolschewistische Untermensch‘ im eigenen Vorgarten, vergiftete, erhängte und ertränkte sich der Volkskörper und nahm die eigenen Kinder mit in den Tod.

German Angst
Wurde der Suizid nach deutscher Manier vielleicht sogar organisiert und wer hat dann das Gift verteilt? Demmin war immerhin schon vor 1933 ‚braun‘, mit 53% NSDAP Wähler*innen 1933.
Fakt ist, dass 1945 die Propaganda für einen ‚ehrenvollen‘ Abgang, beziehungsweise den ‚Verteidigungs‘kampf bis zum Tod, hohe Wellen schlug, die auch an Vorpommern nicht vorbei gingen. Ein Ilja Ehrenburg wurde zum grausamen jüdisch-bolschewistischen Chefpropagandisten hochstilisiert. Nach Goebbels habe Ehrenburg dezidiert zur Vergewaltigung deutscher Frauen aufgerufen. Mrotzek äußerte im Stern in Bezug auf die Rote Armee: „In Soldatenzeitungen, Flugblättern und im Rundfunk wurde ausdrücklich zu Rache und Vergeltung aufgerufen”.Damit wäre der Grund gefunden, warum die Rote Armee Aggressionen auf Deutsche hatte (naja: und der Blut- und Bodenkrieg im Osten).

Pfeffer & Knüppel
So wird wohl die nächsten Jahre Demmin weiter geschichtspolitisch umkämpft bleiben, ob im Feuilleton oder auf der Straße. Nach der letzten Buchpublikation mit dem emotionalisierenden Titel „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945“ von Florian Huber (1) scheint es, als hätten nicht mehr nur Rechte dieses Thema für sich gepachtet, sondern das Thema drängt sich nunmehr in den Mainstream des ‚Histotainment`.
Zuvor wurde es durch Polizei und Politik ermöglicht, die kruden Thesen der Nazis auf die Straße zu bringen. Nachdem schon in den letzten Jahren in Demmin Gegenproteste von der Polizei angegriffen und im Nachhinein kriminalisiert, wurde es auch 2016 am ‚Tag der Befreiung` in Demmin ungemütlich. Unter gröbster Missachtung der Pressefreiheit verfolgte die Polizei eine dominante, eskalative Strategie. Mit Pfefferspray und Knüppeln wurden Gegendemontrant*innen von den trauernden Nazis ferngehalten.

Schmankerle zum Schluss: ein demokratisches Muss – gute Beziehungen zur Polizei
Im Kontext der Diskussion um die 24-Stunden Kita in Rostock sagte Mrotzek, Vize der städtischen CDU, in Bezug auf Steffen Bockhahn (Senator für Soziales, Jugend, Schule, Gesundheit, Sport): „Wenn Herr Bockhahn ein so problematisches Verhältnis zur Polizei hat, muss er sofort zurücktreten. Es kann einfach nicht sein, dass eine Führungsperson der Stadtverwaltung öffentlich die Autorität der Polizei untergräbt“.
Vielleicht ist Mrotzeks Bild von Demokratie in seinen jahrelangen Beschäftigungen mit dem Unrecht der DDR so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass er denkt, die Polizei dürfe machen was sie wolle, ohne dass gewählte Parlamentarier*innen dazu eine Meinung äußern dürfen, auch wenn sie nicht der seinen entsprechen.

(1) Huber, Florian: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945, Berlin 2015.


0 Antworten auf „Demmin – Ein Opfermythos der Straße und der Wissenschaft“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


acht + = neun