Deutschlands reine Hände – von der Kleiderkammer bis zur Bundespolitik

Es ist November – und wie gewöhnlich wird es da deutscher in Kaltland. Dublin III wird für Geflüchtete aus Syrien wieder in Kraft gesetzt und ein riesiges Schauspiel begleitete die Diskussion um die Transitzonen, bei der jetzt wirklich alle gewonnen haben – und es ging schließlich auch nur um die „Wirtschaftsflüchtlinge“. Ein gefühlt riesiger Teil der deutschen Bevölkerung mauserte sich in letzter Zeit zu profilierten Antirassist*innen und trotzdem steigt niemand auf die Barrikaden. Was ist da los? Kritische Uni legt kurz das Brötchenmesser aus der Hand … und wundert sich.

Semesterkill

Die Ressourcen der Helfenden in Rostock, trotz der vom Rektor eingeräumten Möglichkeit, ein Urlaubssemester zu nehmen, brauchen sich auf. Alle scheinen zu funktionieren. Es wird einfach gemacht. Das ist einerseits wundervoll, andererseits scheint es eine Metaebene auf das Geschehen, ein Zusammenhänge-betrachten, ins-Verhältnis-setzen zu verunmöglichen. Es ist schlicht keine Zeit dafür da. Aber wie können wir ernsthaft nur funktionieren, „nur“ schnippeln, „nur“ Bettwäsche waschen und gleichzeitig die Lokalpolitik für ihre Untätigkeit rüffeln, ohne zu sagen, dass es deutsche Politik ist, die für Dublin III gesorgt hat. Damit wurden alle legalen, sicheren Wege in die BRD eingestampf und damit ist es auch deutsche Politik, die dafür sorgt, dass Geflüchtete auf dem Mittelmeer verrecken.
Bitte nicht falsch verstehen – wir finden es bemerkenswert, wie viel Zeit und Kraft einige Menschen investieren, damit Geflüchtete nicht unter freiem Himmel schlafen müssen und einigermaßen versorgt sind. Nur stellt sich uns die Frage, worauf man sich einlässt, wenn man dabei mit Menschen und Institutionen zusammenarbeitet, deren Interesse nicht primär den Geflüchteten gilt.

Gute Deutsche – Böse Deutsche

All jene Freiwilligen, die genau jetzt die Möglichkeit haben, öffentlichkeitswirksam Hände zu schütteln und um (selbstverständlichen) Support von der Stadt zu bitten und sich brav zu bedanken für jeden Krumen, sollten jene genannten Zusammenhänge nie vergessen und alle Amt- und Würdenträger*innen stets, nervtötend und öffentlich daran erinnern. Die Symbolpolitik – sowohl in Richtung ‚Wir guten Deutschen‘ als auch à la ‚Das Boot ist voll‘ – , die von institutioneller Seite momentan auf dem Rücken Geflüchteter betrieben wird, sollte so nicht unkommentiert, unkritisiert und ohne jedweden Bezug zum Alltag von Helfenden und Geflüchteteten stehen gelassen werden. Doch wie sehr sind Helfende in derzeitigen Kontexten vor einer solchen Symbolik gefeit?

Ein Sommermärchen

Und mit wem arbeiten Antirassist*innen da eigentlich zusammen? Wie hoch wird die Dunkelziffer derjenigen sein, die helfen, um zu zeigen, dass es ein besseres Dresden gibt, ein Rostock jenseits der Vorfälle in Lichtenhagen und ein Deutschland, das es vielleicht endlich wieder schaffen wird, moralische Instanz zu sein, derer man sich nicht schämen muss – auf das man endlich wieder stolz sein kann. Das ist nichts weiter als eine widerliche Vereinnahmung von Geflüchteten, um sein eigenes deutsches Weißes Image aufzupolieren. An dieser Stelle müsste es eine Debatte bei zum Beispiel ‚Rostock hilft‘ geben darüber, ob wirklich jede Hilfe willkommen ist.
Der Hype des Sommers scheint zum Teil verflogen. Wie bei allen Gruppentätigkeiten mit Eventcharakter ist es wichtig, dass der zeitliche Umfang begrenzt bleibt. Das „Festival des Humanismus“ dieses Spätsommers hat Fusion&Co. eindeutig übertrumpft: Große Gefühle, Mitmenschlichkeit, wenig Schlaf, viel Alkohol, Engagementsromanzen – „Und – was machst du so für Geflüchtete?“ als Smalltalkeinstieg. Aber jedes schöne Sommerevent ist einst vorbei. Ein Event gewinnt seinen Wert schließlich durch seine Seltenheit.

„Nur“ Flüchtlingshilfe

Es ist in der Tat schwierig, aus dieser Kritik praktische Konsequenzen zu ziehen. Schließlich hat sich ‚Rostock hilft‘ die Politik, mit der das Netzwerk nun kämpfen muss, nicht ausgesucht. Und auch das Zusammenarbeiten mit Menschen, mit denen man sonst nicht viel teilt, ist verständlich vor dem Hintergrund der Befürchtung, dass sonst tatsächlich Geflüchtete auf der Straße schlafen müssten. Die Gegenthese, die ab und zu in Form von Kommentaren auf der Facebookpräsenz von ‚Rostock hilft‘ auftaucht, dass es ja hier nicht um Politik gehe, sondern „nur“ um die Hilfe für Schutzsuchende, kann aber nicht die richtige Schlussfolgerung sein. Helfenden-Initiativen sollten den Mut haben, die derzeitige mediale Reichweite zu nutzen und aufzuzeigen, was im Kaltland gerade falsch läuft.