Völkische Popkultur – Identitäre Bewegung an der Uni Rostock Teil II

Unter der Überschrift “Grenzen hoch und Schotten Dicht” hetzt in letzter Zeit die neurechte “Identitäre Bewegung” in Rostock gegen Geflüchtete und andere Menschen, die nicht in ihr ethnopluralistisches Weltbild passen. Ihre menschenverachtende Ideologie versucht sie dabei mit modernen Aktionsformen unter die Leute zu bringen. Der zweite Teil befasst sich mit neu-rechter Ideologie, Antisemitismus, Aktionsformen und Akteuren.

Von Nazis lernen heißt Siegen lernen
Neben aktuellen neurechten ExtremistInnen der Mitte und deren Publikationsorganen, wie die Junge Freiheit, der Antaios Verlag und die Blaue Narzisse, wird ihre Ideologie jedoch auch von anderen legitimiert. So beziehen sie sich konsequent auf Ernst Jünger und selbstverständlich auch auf den Steigbügelhalter des Nationalsozialismus Carl Schmitt.
Dieser kann nicht nur als Grundlage der US-amerikanischen Konservativen betrachtet werden, sondern wird mit seiner populären Gut-Böse-Einteilung zum Grundstein der meisten anti-emanzipatorischen Richtungen der postmodernen Welt. So verwundert es dann auch nicht, dass ihn Professor Herfried Münkler der Humboldt Uni in Berlin als “Klassiker des politischen Denkens” bezeichnet. Spätestens hier fällt auf, wie gefährlich mehrheitsfähig rechte Ideologieproduktion ist.

Ein bisschen Glitzer und n YouTube-Channel
Die muss aber unter die Leute gebracht werden. Traditonelle Latschdemos in der Peripherie erfüllen diesen Zweck jedoch nicht und so wird versucht, mit kreativen Aktionsformen auf die Bewegung aufmerksam zu machen. Wo die Identitären sind, da ist eine “spektakuläre” Banneraktion und ein Rauchtopf, natürlich in den Lieblingsfarben schwarz und gelb nicht weit.
Ganz so spektakulär war die Kundgebung der Identitären am 7.10. vor dem Rostocker Rathaus zwar nicht, aber wenigstens kletterten sie aufgrund von einer zu kurzen Leiter nicht aufs falsche Dach, um eine geplante Asylunterkunft zu “besetzen”, so wie die Kameraden aus Thüringen.
(Hier der Bericht von thüringen-rechtsaussen)
Im Nachhinein werden diese Aktionen dann möglichst groß ausgeschlachtet. Blogs verlinken auf YouTube, Pressemitteilungen werden geschrieben. Mittels Pod Casts und pseudowissenschaftlichen Artikeln wird so versucht auf bestehende Diskurse einzuwirken und an das völkische Herz der Menschen zu agitieren.

Alter Wein in neuen Schläuchen ?
Zumindest das ist aktuell nicht besonders schwierig. Stellen sich die Identitären auf den ersten Blick als die Inkarnation der besorgt bürgerlichen Phrase des: “Ich bin ja kein Rassit, aber…” heraus. Nachdem die Unterteilung der Menschen in unterschiedlich wertige Rassen gänzlich wiederlegt werden konnte, warteten VordenkerInnen und PropagandistInnen von Rechts mit einem neuen Konzept auf, um die weißen Privilegien weiter zu sichern. Der Ethnopluralismus kam in Mode. Dabei werden konstruierte rassifizierende Merkmale und Eigenschaften nicht mehr der biologischen Abstammung zugeordnet, sondern als kulturell bedingt dargestellt. Das Ergebnis fällt selbstverständlich ähnlich exkludierend und tödlich aus.

Ein Hort wahrer Männlichkeit

Neben dem Wunsch nach einem kulturreinen Volk treiben den Männerbund aber noch andere gesellschaftliche Widersprüche um. So ist ihre Meinung über Geschlechter in der Gesellschaft eher so 1950. Männer sind aktiv und kämpfen, kämpfen, kämpfen, Frauen vielleicht auch ein bisschen, aber wichtig ist, dass sie sich um die Kinder und das Essen kümmern.
So heisst der erklärte Totfeind, den sie sich mit religiösen FundamentalistInnen und Neonazis teilen: Gender Mainstreaming. Wovor sie solche Angst haben ist fraglich, angesichts ihrer Überzeugung, dass Geschlecht biologisch veranlagt ist. Auch lässt sich grundsätzlich sagen, dass die vermeintliche Dekadenz Europas mit angeblicher Verweiblichung einhergeht und sie dieser ein Konstrukt entgegenstellen, dass zutiefst chauvinistisch und sexistisch ist. Damit befinden sie sich nicht zu unrecht in ideologischer Nähe zu Schwulenhassern, wie etwa Akif Perinçci, der die Quintessenz seines Geistes erst kürzlich bei Pegida bewerben durfte.

Die paar dunklen Jahre Deutscher Geschichte
Um die Wahnvorstellung einer identitären Gesellschaft abschließend zu beschreiben, muss noch einen Schritt weiter gegangen werden. Wenn die eigene Kultur so richtig gefeiert werden soll, stört natürlich das Ganze mit dem Nationalsozialismus… Dass Auschwitz nicht schön zu reden ist, haben auch die meisten ewig Gestrigen begriffen. Deshalb einfach nicht drüber reden und ein bisschen Geschichtsrevisionismus betreiben. Doch auch dieser Schuldabwehr-Antisemitismus, der nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz existiert, ist noch nicht der Gipfel der Fahnenstange.
Die rechtspopulistische Grundannahme, dass dekadente Eliten gemeinsam mit Hilfe vom fiesen “US- Finanzkapital” den armen “kleinen deutschen Mann” einfach seiner Kultur berauben, ist ein Musterstück antisemitischen Denkens. So erscheinen Migrant*innen und Feminist*innen eher als Objekte, die von “denen da oben” ausgesandt wurden, das Volk zu zersetzen. Folglich richtig besuchten Identitären natürlich auch die Anti – TTIP Demo.

Die üblichen Verdächtigen
Doch wer ist Akteur dieser ganzen Batterie an Vernichtungsphantasie? Anschlussfähig ist das Gedankengut nicht nur für die deutsche Kartoffel, sondern auch für Burschenschafter und ähnliche. Protagonisten sind aber meist die üblichen Verdächtigen. Im Rostocker Fall ist es Daniel Fiß. Sein Good Governance Studium an der Juristischen Fakultät erklärt an dieser Stelle auch das Auslegen der Flyer an der hiesigen Uni.
Dabei war Fiß eigentlich Hoffnungsträger und braver Jungkader der NPD in MV. Im Umfeld der “Nationalen Sozialisten Rostock” terrorisierten er und seine Kameraden so ziemlich alle Menschen, die nicht in ihr Streichholzschachtel großes Weltbild passten.
Die NSR experimentierten früh mit klassich identitären Aktionsformen und machten mit Flashmobs und Hardbass Rostocks Einkaufsstraße unsicher.
Vielleicht ist hier die Verbindung zu ziehen, warum sich Fiß seit geraumer Zeit von der NPD abgewandt hat. Möglich ist auch, dass er jetzt eher seinen pseudointellektuellen Gestus verbreiten kann. So sinniert er auf dem Blog der Indentitären lang und breit über Demokratie und was Mark Aurel dazu sagen würde. Dort gibt er natürlich an Jura und Politik zu studieren – Good Governance klingt ja auch nicht halb so cool.

Du kannst schon identitär sein, aber dann bist du halt Kacke!
Es ist zwingend notwendig, diesen Umtrieben möglichst entschlossen entgegenzutreten. Wenn Flyer und Sticker schnell verschwinden, ist das ein klares Zeichen, kann aber nicht alles sein. Neben dem Unterbinden von Aktionen heißt es auch, sich mit dem ideologischen Unterbau der Neuen Rechten auseinanderzusetzen. Ihre Gedankenwelt auf Kontinuitäten und Brüche zu untersuchen und auch dem mitte -extremistischen Brandstifter*innen innerhalb und außerhalb der Universitäten in die Quere zu kommen.


1 Antwort auf „Völkische Popkultur – Identitäre Bewegung an der Uni Rostock Teil II“


  1. 1 testbild 06. November 2015 um 13:51 Uhr

    Nur als Fußnote:
    Die zentrale Unterscheidung bei Carl Schmitt ist jene zwischen Freund und Feind, nicht zwischen gut und böse. Gerade durch die Inhaltsleere (sie soll sich von keinem anderen Kriterien als der Herausforderung der eigenen Existenz ableiten) dieser Unterscheidung ist sein Begriff des Politischen für diverse Rechte (aber auch manche Linke) attraktiv…

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