Da-sein oder nicht-da-sein – ist das hier die Frage?

In der aktuellen Ausgabe des Studierendenmagazins Heuler der Uni Rostock findet sich unter anderem ein Artikel der Kritischen Uni zur Diskussion der Anwesenheitspflicht, den wir euch natürlich nicht vorenthalten wollen.
Darin wundert sich Leon_a Schmidt, Pressesprecher*in der Kritischen Uni, über verkürzte Heilsversprechen und naive Vorannahmen zu studentischen Lebensverhältnissen

Ein Traum: Eine Uni voller Studentinnen, ausgerüstet mit massig Texten voller Anmerkungen, bunter Markierungen, aufbereiteter Sekundärliteratur – fleißig wie diskussionswillig, bereit am
erquickenden Erfahrungs- und Wissensaustausch teilzunehmen. Das alles finanziert ihnen der Staat: frei von Sachzwängen weist der Weg dieser mündigen, reflektierten Bildungsempfängerinnen Richtung
Mehrwertproduktion. Wer wäre da nicht gerne Studentin?
Nach dem Aufwachen geht es dann doch an niemandem vorbei: Es ist etwas faul in der Bildungsrepublik. Auch Dozentinnen sind betroffen: Klar, das sind schließlich diejenigen, die am Vorabend des Seminars Mails erhalten müssen, in denen sich die Referentinnen für den nächsten Tag abmelden, die einen Methodenkoffer ins Seminar tragen, um auf den darin enthaltenen Mod-Karten Aussagen von zwei Teilnehmerinnen zu notieren, die in der letzten Semesterwoche vor einem nie gesehen vollen Seminar eine klausurvorbereitende Zusammenfassung halten.

Bizeul und der Fortschritt
Prof. Bizeul, Lehrstuhlinhaberin (1) für politische Theorie, packte
das Problem in der letzten Ausgabe des Heuler bei der Wurzel: die
Anwesenheitspflicht – eine utilitaristische Heilsbringerin – die der Mehrheit nützt. So tradiert dieser Vorschlag auch klingen mag, so stellt sich Prof. Bizeul doch ganz in den Dienst des Fortschritts. Sämtliche Reformen der letzten Jahre, Jahrzehnte, aktuell die Bologna-Reform und die Modularisierung des Lehramtsstudiums, weisen in eine Richtung – jedoch nicht in die von Bildung. Es geht offensichtlich nur um das Konsumieren von portioniertem, warenförmigem Wissen, das dann im richtigen Augenblick (Prüfungen) gegen Unterschriften und Zertifkate getauscht werden kann. Ist dies schon Tollheit, ist es doch systemimmanent!

Warenförmigkeit
Der Geist der Anwesenheitspflicht ist ausschließlich am Leitbild der Arbeit ausgerichtet. Darüber findet scheinbar anpassende
Identifikation statt, die geistige Autonomie verspricht, allerdings
jeder konkreten Erfahrung entsagt. Es bieten sich keine Möglichkeiten, das Wissen mit sich als Frau* in Beziehung, sich reflektierend damit auseinander zu setzen. Diese Zeit wird der Durchschnittsstudentin eben nicht vom Staat freigeschaufelt, wie Bizeul bezeugen möchte. Nur die wenigsten genießen den Bafög-Höchstsatz, sind frei von finanziellem Druck, einem Nebenjob, der einer neben Döner und Bett auch das ein oder andere Uni-Buch finanziert – ganz abgesehen von Care-Arbeit im Freundinnenkreis, in der Partnerinnenschaft und auch der Familie. Da drängt sich ein schnell durch gepeitschtes Studium eher auf als ein gewissenhaft aufgearbeiteter Studienplan. Selbst wenn das alles wegfallen würde – individuelle Lernprozesse werden auch dann nicht durch Anwesenheitspflicht angeregt: Texte vorzubereiten, sich einzudenken erfordert echte Erfahrung und Zeit am konkreten
Gegenstand. Wird das Studium zum Arbeitsplatz durchstrukturiert,
folgen die typischen leeren Reaktionen: Desinteresse und chronischer Stress. Der Mensch verliert die Fähigkeit, reflexiv und vernünftig zu denken, wird zur Charaktermaske. Mit diesem verdinglichten Bewusstsein darf sich die Studentin als funktionierende Mehrwertproduzentin am Arbeitsmarkt anbiedern.

“Lebensmotto Tarnkappe, schwimm mit dem Fahrwasser
Du bist nur ein Plagiat, die Welt ist eine Markthalle
Lebensmotto Tarnkappe, schwimm mit dem Fahrwasser
Aufpassen, auswändig lernen und dann nachlabern“
Antilopen-Gang


Zwischen Sachzwängen und Hedonismus

Das kann nicht verwundern. Die Universität ist eine staatliche
Institution, die der Logik nach keine andere Funktion erfüllen kann.
Alles andere wäre reine Romantisierung. Prof. Bizeul denkt nur weiter und verleiht seiner Sehnsucht nach Stempeluhren Ausdruck. Das bunte Treiben seiner Studentinnen passt ihm jedenfalls nicht. Um es persönlich betroffen zu formulieren: Herrn Bizeul et al. haben meine Krankheiten, Bedürfnisse, Verliebtheiten, persönlichen Downs, Menstruationen, Liebeskummer-Trostpflaster bei Freundinnen NICHT zu interessieren – zumal auch nur attestierte Krankheiten oder “familiäre Gründe” für ihn und viele Andere zählen.
In deren Augen sind Studentinnen offenkundig Meisterinnen darin, sich trotz ihrer privaten Sachzwänge und der kompletten Leere der Lehre ihren Spaß am Leben zu erhalten. Ob die Ausprägungen des studentischen Hedonismus nun Verdrängung, Selbstzweck oder bitteres Resultat der offenkundigen Sinnfreiheit ihrer Ausbildung sind, sei dahingestellt.
Denn schlussendlich werden sich doch alle ihrer Existenz wegen
protestlos am Leitbild der Arbeit festklammern.

(1) Wir haben uns in diesem Leserinnenbrief dazu entschlossen,
durchgängig das generische Femininum zu verwenden, in Reaktion auf die schriftlich-männliche Zumutung von Bizeul, der anscheinend sprachlich eine Universität „der guten alten Zeit“ (sprich: vor dem
Frauen*studium) herbei zu phantasieren sucht.

Hier der Link zur letzten Ausgabe, in der auf Seite 32 der Aufschlag der „Debatte“ zu finden ist.
Der Link zur aktuellen Ausgabe folgt, wenn die Redaktion die Printausgabe auch Online zugänglich macht.