Bio-Deutsche zwischen Kant und KZ-Aufsehern

Auch die Burschenschaft Redaria Allemannia Rostock trägt ihren Teil zur Rassismus-Krise (meist als Flüchtlingskrise bezeichnet) in Deutschland bei. Sie schmieren aber keine Stullen für Geflüchtete in Rostock und bereiten keine Notunterkünfte vor. Die Burschen sind primär besorgt – und wie so oft um die Janusfratze ihrer Volksgenossen.

„(…) Rassenprobleme wie in den USA (…)“
So postete die Redaria am 16.09. zum Thema unkommentiert und unter vielen likes einen offenen Brief des Geschichtsrevisionisten (angeblich war der zweite Weltkrieg gar kein deutscher Angriffskrieg) Gerd Schultze Rhonhof an Angela Merkel. Er stellte in diesem der Kanzlerin seine ethnopluralistischen Forderungen bezüglich der Verteilung von Geflüchteten vor. Weiter soll auf diesen Müll nicht eingegangen werden. Alle Interessierten können gerne nachlesen. Die Teilüberschrift ist auf jeden Fall ein Zitat dieses mahnenden Briefes.

Der Post
Am 27. August liest man bei den Redaren eine Dystopiebefürchtung a là Rostock Lichtenhagen – nur mit ganz anderem Ende als 1992. In ihrer Vision wird am Ende der Aufstände des deutschen Mobs die Aufhebung der Unterscheidung in „asylberechtigte Flüchtlinge“ und „Wirtschaftseinwanderer“ stehen.

„Die daraufhin einsetzende massive Einwanderung wird einerseits ein gewaltiges Wählerpotential für die Parteien des Umverteilungskartell [sic!] nach Deutschland locken und andererseits durch fortgesetzte Ghettoisierung die autochtone [heißt ansässig, meint aber vermutlich bluts-] deutsche Bevölkerung einschüchtern, verängstigten und marginalisieren, bis die durch sie verkörperten Ideen der Aufklärung, Säkularisierung, Humanismus, Gleichberechtigung und der religiösen sowie politischen Toleranz ebenso unbedeutend geworden sind. Dann wird die Herrschaft der Parteien des linken Spektrums und der Scharia unwiderruflich etabliert sein.[TAM TAM TAAAM]“ (1)

Enlightment und besorgte Bürger
Dass die vielen Deutschen, die die Werte der Aufklärung in sich tragen wie einen Schatz, der so wertvoll ist, dass er am besten nie an die Außenfläche gelangt, längst nicht mehr zwischen vor Armut Flüchtenden, beziehungsweise vor rassistischer Verfolgung in sogenannten sicheren Herkunftsländern (defined by Germany) und sogar von Deutschland berechtigten vor Krieg Flüchtenden unterschieden wird, spielt in ihrer Vision keine Rolle – findet sich aber auf diversen Seiten und Kommentarspalten „besorgter Bürger“. So können seit Jahren Bilder vom Bürgerkrieg in Syrien über die Kanäle laufen und manche Deppen behaupten immer noch, die Refugees kommen, um die Scharia in Deutschland zu etablieren. Zudem wird an solchen Stellen der Argumentation immer vergessen, dass es für alle Menschen (sogar für die strammsten Deutschen) natürlich ein Grund wäre, ihr Land zu verlassen, wenn sie unterhalb der Armutsgrenze leben müssten und aus diesem Zustand vorerst oder für immer keinen Ausweg sehen.

Ebensowenig wird beachtet, dass es nie die „Umverteilungskartelle“ waren, die sich in eventuell vergleichbaren Situationen politisch durchsetzen konnten, sondern dass ganz im Gegenteil nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992, die Unterscheidung in politische und Wirtschaftsflüchtlinge erst im öffentlichen „Diskurs“ und parlamentarisch definiert wurde, alle die BRD umgebenden Länder zu sicheren Staaten erklärt wurden, in die erneut abgeschoben werden kann. Wenige Wochen nach dem Pogrom wurden mit der Änderung des Asylrechts legale Möglichkeiten der Einwanderung in Deutschland erbeblich eingeschränkt. (2)
Auch dass Politiker_innen dieser Zeit nicht grade für ihr Schweigen zum Thema bekannt waren, sondern viel mehr für Parolen wie „Das Boot ist voll.“ sich langfristig festsetzende Bilder in Köpfen mit ausreichend Nährboden pflanzten, wird von den Redaren verleugnet. Die Hetze aus der Politik, den Medien und von der Straße standen in einem fruchtbaren Wechselspiel, welches mit der Aushebelung des Grundrechtes auf Asyl endete. (3)

Triton und Deutschland
Die von Berlin und hochrangigen deutschen Frontex-Beamten gestellte Forderung aus dem Herbst vergangenen Jahres, nur noch innerhalb einer 30-Meilen-Zone vor dem italienischen Festland Rettungsaktionen durchzuführen, ist Teil der Rassismus-Krise.
In der EU wurde sich darum gestritten, ob Brüssel die italienische Rettungsmission “Mare Nostrum” fortführt, die innerhalb eines Jahres mehr als 155.000 Flüchtlinge gerettet hat. Das Vorhaben ist maßgeblich an Deutschland gescheitert. “Mare Nostrum” habe sich als “Brücke nach Europa” erwiesen und dürfe daher nicht fortgesetzt werden, wurde Bundesinnenminister Thomas de Maizière zitiert. (4)
„Triton“ hat „Mare Nostrum“ ersetzt, die Brücke ist nunmehr abgebaut. Geflüchtete, denen legale Einwanderungsmöglichkeiten nach Deutschland verunmöglicht wurden, schaffen es entweder auf diesem Weg oder ertrinken, bzw. erfrieren auf hoher See. Aber das ist EU-Politik und hat mit unserem deutschen Gutmenschenherbst nichts zu schaffen.

Fazit
Was die Redaria hier macht, ist unreflektierte Hetze im Mantel von „besorgten Bürgern“. Sie offenbart entweder, dass sie keine Ahnung von der jüngeren deutschen Geschichte hat oder dass sie diese für ihre Ziele umzudeuten sucht. Außerdem wird deutlich, wer hier eigentlich geschützt werden soll – „Humanismus und Gleichberechtigung“ im gesunden Volkskörper müssen vor bösen Linken und „Scharia“ verkörpernden Geflüchteten beschützt werden. Auch hier wird die Dummheit, bzw. der Rassismus der Autoren offenbar. Es sind die besorgten Bürger, die auf diversen Kanälen ein weiteres Lichtenhagen beschwören und deren „klügste Köpfe“ sitzen mit uns in Seminaren. Es gilt, Geflüchtete vor dem Mob mit und ohne Abitur zu schützen.

(1) https://www.facebook.com/Burschenschaft-Redaria-Allemannia-Rostock-227662737329690/timeline/ (16. September 2015)
(2) http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/160780/asylkompromiss-24-05-2013 (16. September 2015)
(3) Ausführliche Darstellungen zu Anstachelung aus Politik, Presse und Mob in Rostock in Prenzel, Thomas (hrsg.): 20 Jahra Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der rassistischen Gewalt, in: Universität Rostock, Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften (hrsg.): Rostocker Informationen zu Politik und Verwaltung, Heft 32, Rostock 2012.
(4) „Kein Ende in Sicht“, http://german-foreign-policy.com/de/fulltext/59056 (24. September 2015)