Verfolgte Unschuld

Das Leben eines Uni-Professors ist auch nicht mehr, was es einmal war: fanatische Student*innen, die sich als “Gesinnungspolizei” aufspielen und das in der eigenen Vorlesung. Das kann schon mal zu Bandscheibenvorfällen führen, weiß der Uni-Spiegel zu berichten. Dessen neue Ausgabe zeigt die Leidensgeschichte 3er Professoren, die die Welt nicht mehr verstehen. Verfolgt von “Irren”, die ihre Karrieren zerstören wollen. Wie konnte es soweit kommen?

Die Irren rotten sich zusammen
Da gibt es Professoren, die innerhalb der Uni Überzeugungen offenbaren, die gelinde gesagt wenig menschenfreundlich sind und als Anschauungsmaterial für den Extremismus der Durchschnittsbürger*innen dienen können. Nun können Student*innen dagegen erstmal wenig tun – schließlich stammen besagte Äußerungen von den Menschen, die über ihre Karriere befinden werden. Von anderen möglichen Repressalien an dieser Stelle ganz zu schweigen – ob polizeiliche Maßnahmen der Uni oder V-Schutz-Überwachung.
Also haben sich die Wenigen unter ihnen, die das nicht nur störend, sondern unerträglich finden, einen Weg überlegt, ihre Kritik dennoch öffentlich äußern zu können. Sie bildeten Initiativen, die auf anonymen Blogs beschreiben und kritisieren, was Professor*innen und Dozent*innen in ihren Veranstaltungen, ihren Veröffentlichungen und auch außerhalb der Uni sagen und tun. Dabei ergab sich ohne größere Anstrengung allzuoft ein schauriges Bild: Rassismus, Sozialchauvinismus, Sexismus, Militarismus, Deutschtümelei.

Hysterische Maulwurfsjagd

Als solche Veröffentlichungen weitere Kreise zogen, erfolgte eine hysterisch zu nennende Reaktion seitens der Professoren und Medien, die sich auch im jüngsten UniSpiegel bewundern lässt. Daraus lässt sich ablesen – es funktioniert. Die Extremisten mit Lehrstuhl reagieren nicht anders als jeder rassistische Dorfmob, wenn er mit Kritik konfrontiert wird. Sie konstruieren sich ein Feindbild, auf das es einzuprügeln gilt: Maulwürfe, die unerkannt und in ihrem ganzen Wesen bösartig nur danach trachten, das Gemeinwesen im Geheimen zu unterwühlen und zum Einsturz zu bringen.
Die Professoren selbst werden hingegen als verfolgte Unschuld dargestellt. „Jagd“ werde auf die Professoren gemacht, so das Uni-Spiegel-Cover. „Feiglinge“ nennt Herfried Münkler die bloggenden Student*innen. Dieses Ablenken vom Inhalt der Kritik, das Einschießen auf die Form zeigt, dass die Fähigkeit zur sachlichen Auseinandersetzung in dieser Frage offensichtlich fehlt. Jörg Baberowski wörtlich: „Die drängen mich in eine Ecke“, offenbar unfähig, sich dem geistig entgegenzustemmen. Die Selbst- und Fremdinszenierung als Opfer von Verfolgung hat auch sprachlich starke Ähnlichkeiten mit dem Agieren von anderen rechten und neu-rechten Bewegungen. So erinnert das Vokabular an jenes von Maskulisten oder “besorgten Eltern”, die Feministinnen gerne als “Genderpolizei” und/oder “Feminazis” bezeichnen.Was sich hier zeigt, ist das alltägliche Phänomen, dass die Bürger*innen sich zwar mittlerweile auch in Deutschland gerne zu Weltoffenheit bekennen, aber so recht nicht wissen, was darunter zu verstehen ist – und deshalb, sobald ihr Bekenntnis in Frage gestellt wird, nur mit einem reflexhaften „Selber!“ reagieren können. Dies hat Herfried Münkler in mehreren Zeitungen wie auch im Fernsehen beispielhaft vorgeführt.

Verschwörungsdenken

Mit diesen Reaktionen soll vor allem eines bewirkt werden: die kritischen Student*innen sollen im demokratischen Diskurs nicht geduldet werden. Nur so meinen sie der Bedrohung Herr werden zu können. Genau damit aber beweisen sie selbst ein weiteres Mal, dass der Vorwurf, hier zeige sich der alltägliche Extremismus der Mitte, zutrifft. Sämtliche Reaktionen sind geprägt von Verschwörungsdenken und einer Täter-Opfer-Umkehr. Die Professoren fühlen sich diffamiert, dabei sind sie es, die von „Fanatikern“ und „erbärmlichen Feiglingen“ sprechen; sie phantasieren eine Verfolgung herbei, wo Kritik geäußert wird; sie geißeln die Anonymität der Blogger*innen, was die Frage aufwirft, was sie sich denn vom Ende dieser Anonymität erhoffen, wenn nicht eine Jagd – nur diesmal auf die Richtigen, die Abweichler. Diese Professoren müssen nicht diffamiert oder gar in die Rechte Ecke gedrängt werden – da standen sie ohnehin schon. Hier sei beispielhaft auf Herfried Münkler verwiesen, der als allzeit bereiter akademischer Stichwortgeber für den deutschen Mainstream herhält – und zum Beispiel die “Flüchtlingsströme” als größte sicherheitspolitische Verantwortung begreift und von Deutschland gerade wegen seiner Vergangenheit, mehr “außenpolitisches Engagement” fordert.

Schützenhilfe

Der UniSpiegel leistet nun Schützenhilfe: Dem Artikel zufolge ist an öffentlich auftretenden Personen vorgebrachte Kritik nicht Teil der demokratischen Debatte, sondern ein ungerechtfertigter Angriff. Mit Vokabeln wie „Gesinnungspolizei“, „an den Pranger stellen“ und „Kleinkrieg“ wird ein vollkommen normaler Vorgang als Skandal dargestellt. Für die demokratische Debattenkultur lässt das auf wenig Gutes hoffen.

Den Artikel im aktuellen UniSpiegel findet ihr hier: http://www.spiegel.de/spiegel/unispiegel/d-135653118.html


1 Antwort auf „Verfolgte Unschuld“


  1. 1 Christoph 18. Juli 2015 um 23:47 Uhr

    Auch die IYSSE haben den Artikel von Sebastian Kempkens im Unispiegel beantwortet:
    http://www.wsws.org/de/articles/2015/07/18/kemp-j18.html

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