Münkler Watch – Watch. Extremismus der Mitte in Berlin und die Reaktionen

Kritik an rechten Dozent*innen hat Konjunktur. Nach medial erfolgreichen Flyeraktionen gegen den Pegidaversteher Patzelt in Dresden hat nun auch in Berlin eine Gruppe kritscher Student*innen an der Berliner Humboldt-Universität ihre Arbeit aufgenommen. Im Zentrum ihrer Aktivität steht eine spannende neue Aktionsform: Der Münkler – Watch.
Die Student*innen besuchen brav die Vorlesung und berichten anonym auf ihrem Blog, was das politische Schwergewicht Herfried Münkler alles abfällig über Frauen und Wissensformen, die nicht aus Europa stammen, erzählt.
Der Erfolg gibt der Gruppe recht, der Spiegel und das Neues Deutschland berichteten, der Prof spuckt Gift und Galle.
In der aktuellen Berichterstattungen finden auch immer wieder die Parallelen zu den Geschehnissen in Rostock, um die Kritische Uni Rostock, und der hiesige Extremismus der Mitte Erwähnung. Eine gute Gelegenheit, um auch hier wieder zu beobachten und sich an den aufbrechenden Ideologien zu reiben.

Der “Ein-Mann-Think-Tank” im Auftrag der Nation
Herfried Münkler ist ein Phänomen. Immer zur Stelle, wenn eine Talkshow wieder einen diskursstarken Erklärbären sucht, um Kriegseinsätze oder die BRD Politik zu rechtfertigen. Er sitzt fest im Sattel seines Lerhstuhles für Theorie der Politik im Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universiät zu Berlin. Nebenher bekleidet er verschiedene Ämter in Beiräten- so z.B. auch dem der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.
Als sogenannter Kanzlerinnen-Berater findet er häufig Erwähnung in der Presse. Dies ist zwar eine strukturell hinreichende, wenn auch noch keine notwendige Bedingung, um Dozent*innen wie ihm näher auf die Finger zu schauen. Lässt diese Aufzählung von Amt und Würden bereits aufhorchen, so wird es bei der genaueren Wortwahl Münklers explizit menschenverachtend. So wies unter Anderem auch der Fachschaftsrat der Sozialwissenschaften letztes Jahr auf die rassistische Konnotation von münklerschen Ausführungen hin.

„Die größte sicherheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird nicht in der Gefährdung von Grenzen durch feindliche Militärverbände, sondern im Überschreiten dieser Grenzen durch gewaltige Flüchtlingsströme bestehen, die, wenn sie massiv auftreten, nicht der wirtschaftlichen Prosperität Europas zugute kommen, sondern die sozialen Sicherungssysteme der europäischen Staaten überfordern und damit die soziale Ordnung in Frage stellen.“
Münkler, Herfried: Die gefährliche Kluft zwischen Schein und Tun

Kurz gesagt: Geflüchtete gefährden Europa und müssen militärisch zurückgedrengt werden. Hier empfiehlt sich Münkler offen als Steigbügelhalter des rechtspopulistischen Extremismus der Mitte.
Dabei ist es offensichtlich, dass er nicht trotz, sondern gerade wegen solcher Aussagen so beliebt bei Talkshows und im Kanzleramt ist.
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Prof. Dr. Herfried Münkler von kritischen Studierenden thematisiert wird. Auf ihrem Blog zeigen sie dann auch klar und deutlich auf, warum Münkler für eine Universität eigentlich untragbar ist. Neben spöttischen Bemerkungen über geschlechtergerechte Sprache und eben jenem rassistischen Jargon drückt sich seine Borniertheit auch in der Gestaltung der Lehre aus. Er konstruiert einen politikwissenschaftlichen Kanon, der auch mit den Worten weiß, männlich, europäisch zusammengefasst werden kann, und rät davon ab kritische Fragen zu stellen. Das Neues Deutschland schlussfolgert richtig, dass dies besonders bedenklich ist an einer Universität, die sich soeben dafür entschieden hat die Professur für Diversity Politics zu beenden.

Münkler Watch im Mainstream
Die Diskurswelle ist fast am überschwappen. Nachdem Münkler- watch online ging berichteten Zeitungen bundesweit. Zuerst Spiegel Online und Neues Deutschland, nun auch die TAZ und Zeit Online, sowie die FAZ. Alle wollen ein Interview mit Münkler – und bekommen es auch. Dabei fällt das Urteil der Zeitungen durchaus divers aus. Nun wird gestritten und gezankt, ob Münkler- Watch denunzierende Zensur oder mutiges politisches Engagement ist.
Neben Sympathiebekundungen für Münkler kommen so auch viele kritische Stimmen zu Wort.

Erbärmliche Stasimethoden – also known as – kritische Student*innen
Unter anderem ist hier die Einschätzung des FAZ Redakteurs Patrick Bahner hervorzuheben. Nicht nur, dass er die Vorwürfe der vermeintlichen Zensur sicher zu entkräften weiß, ganz nebenbei wirft er auch gleich noch das Konstrukt des die-sind-ja-anonym-und-deshalb-nicht-diskursfähig-und- sowieso-total-gemein-und-hinterlistig über den Haufen. Indem er konstatiert, dass es sich bei Münkler-Watch um eine Kritik von Münklers Amtsausübung handle und dass das gewählte Medium, ein Blog, eben aufgrund seiner Kommentarfunktion “die Öffentlichkeit” sei.
Eine Argumentationskette, die sich auch die Philosophische Fakultät Rostock einmal zu Gemüte führen könnte, bedenkt man deren Statements zu ähnlichem Studierendenverhalten seitens der Kritischen Uni Rostock.
Münkler selbst, der bekannt ist für Aussagen, die den Wikileaksgründer Assange im Subtext als Vaterlandsverräter bezeichnen, fühlt sich nun selbst als Ofper von NSA- und Stasi- Methoden. Aufgrund ihrer Anonymität hält er die Student*innen für “erbärmliche Feiglinge”.
Andere hingegen erkennen, dass es ein recht auf Meinungsfreiheit gibt und zugleich nirgendwo steht, das diese Meinung weniger Wert hat, wenn diese anonym kundgetan wird. Hier führt z.B. das ND auch die Kritische Uni Rostock und ihre Erwähnung im Verfassungsschutzbericht an, um die Repressionsgefahr der Akteur*innen zu unterstreichen.
Aber Münklers Wutausbruch über die kritischen Student*innen wird noch abstruser. Gegenüber der ZEIT fühlt er sich an “die hochschulpolitischen Vorgänge des Jahres 1933 erinnert” und meint weiter, dass er darin auch Muster von Antisemitismus erkenne.
Da es sich bei der Kritik der Student*innen weder um strukturellen Antisemitismus handelt, noch Münklers Bücher verbrannt oder er aufgrund seiner jüdischen Abstammung per Gesetz aus der Lehre entfernt worden wäre, gerät dieser Vorwurf zum traurigen Höhepunkt seiner Opferinszenierung.
Wer so argumentiert, ist im besten Fall vollkommen ahnungslos und sollte besser nicht an einer Universität Politik lehren. In allen anderen Fällen ist dieses Maß an Geschichtsrevisionismus und Selbststilisierung als Jude während des Nationalsozialismus noch viel gefährlicher.
Doch es gibt auch Hoffnung aus den Munde Münklers, indem er sich gegenüber der ZEIT selbst laut fragt, was er in Zukunft besser nicht sage. Bleibt zu hoffen, dass Münkler diesen Worten Taten folgen lässt und von nun an auf rassisitsches und sexistisches Gedankengut in seinen Lehrveranstaltungen verzichtet. Von unserer Seite gibt es daran berechtigte Zweifel.

Berlin = Rostock?
Wie es in Berlin weitergeht, bleibt abzuwarten. Es ist jedoch nicht zu früh, verschiedene Parallelen und Unterschiede zur Kritischen Uni Rostock aufzuzeigen.
Auch wenn Herfreid Münkler wesentlich bekannter und einflussreicher ist als Dozent*innen der Uni Rostock, so ist der Ausgangspunkt der Kritik mehr als ähnlich. Dozierende nutzen ihre Lehrveranstaltungen um einen Extremismus der Mitte zu vertreten. Studierende kritisieren dies anonym, weil sie Sanktionen befürchten müssen und werden deshalb inhaltich übergangen.
Doch die HU ist eben nicht die Universität Rostock. Dort gibt es unter anderem sich politisch betätigende Fachschaftsräte, die von selbst auf die Idee kommen, dass in ihren Fakultäten etwas schief läuft. In Rostock fehlt es nicht nur daran, sondern auch an dem nötigen Rückrad sich mit solchen Themen generell auseinanderzusetzen.
Auch die Unileitung in Berlin muss lobend erwähnt werden, hat sie es doch geschafft, die kritischen Student*innen nicht gleich aufgrund vermeintlicher Copyrightvorwürfe über der Verfremdung des Labels anzuzeigen. Was unter anderem auch zeigt, wie stumpf das Schwert ist, welches die Uni Rostock an dieser Stelle gewetzt hat.
Es ist jedoch erstaunlich, wie breit das Interesse der Öffentlichkeit momentan ist und es kann gehofft werden, dass dies auch dazu führt, dass kritische Stimmen an deutschen Hochschulen mehr Gehör finden- Gründe dafür gibt es sicherliche genug.