Der Heuler, weibliche Arrangements mit patriarchalen Verhältnissen und koloniale Begehren im Namen der Frau*

Beim Genuss des zuletzt erschienenen Rostocker Studimagazins Heuler blieb so manch einer die Spucke weg. Gleich drei Artikel räumen auf mit “Genderismus” und dem Mythos „Burka“ – naja: eigentlich Niqab, aber das ist zu kompliziert und klingt auch nicht so schön gruselig.

Viele kleine Kopftuchmädchen

Der oder die Layouter*in hat sich wirklich Mühe gegeben: unter dem Artikel „Erfahrungsbericht – mein Burka-Tagebuch“ sind auf rosa Hintergrund ganz viele kleine, abstrakte Burkafrauen abgebildet. Was das – im besonderen in Rostock – suggerieren soll, bleibt schleierhaft. Es gibt in Rostock kaum oder keine Burka- oder Niqabträgerinnen im öffentlichen Raum. Aber dennoch, trotz der von ihr erkannten geringen Relevanz des Themas, schreckt die Autorin nicht davor zurück und stellt die Frage der Fragen: Wie fühlt es sich wohl an, so etwas zu tragen?
Zwei ganze Tage trägt sie ein Niqab, was sie der Einfachheit halber Burka nennt. Einmal geht sie in eine Vorlesung, ein andermal in die Mensa. Wie werden die Menschen darauf reagieren? Wie wird sie sich fühlen? Wie fühlt sich also eine ganz gewöhnliche Burkaträgerin?
Das weiß sie natürlich nicht – ohne es transparent zu machen – weil sie sich zwar ein Kostüm, aber keine Biographie und keine Sozialiation anziehen kann. So manche erinnert das stark an Blackfacing, also an Weiße, die vorgeben Schwarz zu sein (z.B. durch anmalen), um zu unterhalten oder mindestens in der Konsequenz zu bevormunden. Hier sind beide Effekte erkennbar. Nach ihrem eigenen Erfahrungsbericht gibt es noch Raum für Beobachtungen von 75 Studierenden, die ihre Perspektive auf Burka noch einmal deutlich machen können.
Nur eine Perspektive fehlt: wäre die Autorin daran interessiert, wie es sich wohl anfühlt, eine Burkaträgerin zu sein, könnte sie sich die Mühe machen, nach Berichten von tatsächlichen (Ex-)burka- oder Niqabträgerinnen umzuhören. Das hat sie aber nicht getan. Und da die Autorin selbst schreibt, die Burkadebatte sei eine “nicht enden wollende”, ist es umso merkwürdiger, dass sie diese auf so eine Art weiterführt bzw. manifestiert. So scheint es nur darum zu gehen, dass wir uns alle kurz gegruselt haben, die Zeitung weglegen und uns freuen, im freien Westen geboren zu sein, in dem Frauenverachtung keine Rolle mehr spielt. Womit wir beim nächsten Artikel wären.

Antifeminismus 2.0

Eine andere nicht enden wollende Debatte findet massiv auf diversen Blogs und Stammtischen statt: die um den „Genderismus“ und die vermeintlich gesellschaftliche Übervorteilung von Frauen. Manche bestechen in diesen Debatten mit ausgesprochener Faktenresistenz und unappetitlichen Vergewaltigungsaufrufen.
Die Autorin möchte allerdings nur auf die wirklichen Opfer unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Ja – es sind die Männer* über deren Probleme von Ausgrenzung zur Objektivierung einfach keine*r reden will. Nicht mal eine eigene Sprache bekommen sie (die hatten sie schließlich schon immer), darum steht fest: Die Autorin „(…) mag das Gendern nicht.”

Als Opener ihres Textes „Sexismus 2.0“ dient ein absurdes Beispiel aus der Werbung. Der Spot endet damit, dass eine Gruppe selbstbewusster Frauen einen von diesen eingeschüchterten Mitarbeiter eines Supermarktes Quark für seinen Muskelaufbau in die Hand drückt. Die Autorin zeigt sich verwundert darüber, dass kein #Aufschrei folgte, in dem Männer ihre vielfältigen Diskriminierungen thematisieren.
Das dieses Beispiel so absurd ist, könnte daran liegen, dass die Autorin wohl lange suchen musste, um einen Spot zu finden, der nicht vor allem 48 kg wiegende, gephotoshopte Frauen* darstellt, sondern einen, in dem ein Mann von einer Gruppe Frauen* eingeschüchtert wird.

Ihr stellvertretendes Rumgeopfere wendet sich im Folgenden an Männer*, die an der Uni Rostock Lehramt studieren und sich ganz häufig damit konfrontiert sähen, dass ihnen kollektiv das Einfühlungsvermögen abgesprochen werde. Das sei laut Fruck besonders fies, weil Frauen* die Möglichkeit hätten, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern, Studiengänge nur für Frauen zu besuchen. Das sei offene Diskriminierung „unter dem Deckmantel der Gleichstellung.“

Was die Autorin anscheindend übersieht, ist, dass offiziell händeringend um Erzieher geworben wird. Wenn Männer* in traditionelle Frauenberufe gehen, wird für sie eine neue Berufsbezeichnung gefunden: Krankenschwestern – Krankenpfleger / Politessen – „Ordnungsamt“.Währenddessen müssen sich bewusste Frauen* um jedes „-innen“ streiten bzw. ihren eigenen Sprachgebrauch rechtfertigen. Auch übersieht sie die Situation in den männlich dominierten Studiengängen, in denen Sprechangst und öffentliche Bloßstellung für Frauen* auf der Tagesordnung stehen. Genauso sieht sie nicht, dass es selbst in den quantitativ weiblich dominierten Studiengängen doch meist der „Hahn im Korb“ ist, der allen ungefragt im nicht enden wollenden Monolog die Welt erklären muss. Und da ER als Mann so antikarrieristisch ist, sogar an der Grundschule unterrichten möchte, gibt es häufig auch noch Lob. Wer sein Leben lang privilegiert war, wird nicht schmerzhaft über einen Kamm geschoren durch Bemerkungen a là „Sie brauchen mehr Empathie“.

„Würde uns Frauen ein Dozent oder die Werbung so über einen Kamm scheren, wären wir zu Recht entrüstet. Wieso sind wir das nicht gleichermaßen, wenn es um Männer geht.“ Meine Frage an die Autorin wäre mit einem ganz ernsthaften Interesse verbunden: In welcher Welt lebst du? (Und darf ich da auch hin?)

In der Welt, in der die meisten von uns Leben, passiert das Frauen* jeden Tag. Sie werden angegrabscht im Studentenclub, aus dem Weg gedrängt auf der Straße, zur Reproduktionsarbeit geknechtet in Heterobeziehung oder in einer WG. Frauen* sind permanent gezwungen, sich selbst und ihr Geschlecht durch die Augen von Männern zu sehen und sich dementsprechend zu verhalten. Für manche geht das so weit, dass sie in Konversationen ihre Intelligenz runterdrehen um Männer nicht einzuschüchtern (niemand mag Dominas oder Streberinnen) oder aber sexuelle Gewalt zulassen, weil sie nicht frigide wirken wollen (niemand mag Frauen, die sie nicht ran lassen) oder nicht widersprechen (niemand mag Zicken) oder mit der Unitasche voller Deodorants, Cremes, Maskaras in die Bibliothek gehen (niemand mag unhygienische Mannsweiber) oder oder oder und der Schlampenvorwurf zieht immer.
Natürlich gibt es auch ein relativ enges, konstruiertes Männerbild. Aber im Gegensatz zu Frauen* sind Männer* die Privilegierten in der Geschlechterhierarchie. Jedes von der Norm abweichende Verhalten von Frauen* wird gesellschaftlich markiert und häufig sanktioniert. Das können auch keine sechs Frauenstudiengänge wett machen. Zudem werden Männer*, die sich “weibliche Eigenschaften” angeeignet haben, mittlerweile eher für ihre “soft skills” gelobt.

Werbeblock Damenverbindung

Aber die Autorin machts auch investigativ. So besuchte sie die Rostocker Damenverbindung Sapientia Rostochiensis.

Vorteile der Damenverbindung seien, dass frau dort ganz viel Vielfältigkeit erlebt (also weiße, akademische, christliche Frauen kennenlernt, die keine Extremist*innen mögen) und frau mehr Kontakt zu den „Studenten“ an der Universität bekommt. Dieser Kontakt wird ihnen in der Studentinnenverbindung geboten.
Schön sei auch, dass frau über Benimmregeln in Kenntnis gesetzt werde, die dann in einer Prüfung abgefragt würden. Benimmregeln extra für Damen – aber angeblich würden die „intelligenten, interessanten Damen“ die die Autorin getroffen hat, tradierte Rollenbilder nicht mehr teilen. Für sie scheint es zu reichen, keine Perlenohrringe zu tragen, um diesen nicht anzuhängen.

Trotzdem möchte die Autorin selbst nicht in einer Damenverbindung sein. Lieber möchte sie Couleurdame bleiben – also noch expliziter schmückende Person in burschenschaftlicher Runde, an den Tagen, in denen auch das Burschihaus für Frauen* offen ist.
Da haben die christlichen Fundis von der Rostochiensis sogar einen Vorteil: immerhin haben sie fast etwas eigenes – nicht über Männer* definiertes…alles außer ihr Comment, ihre Traditionen und ihre Struktur. Ihr Comment haben sie mit Hilfe des Wingolfs erarbeitet, aus dessen Dunstkreis sich die Damen rekrutierten, die Traditionen sind so etwas wie symbolisch aufgeladene Antagonismen der männerbündischen Traditionen(Rose statt Degen, Sekt statt Bier). Die Struktur, auch in Form eines Hauses, ist aufgrund mangelnden Alters und schlechter bezahlter Frauenerwerbsarbeit kaum vorhanden. Isn`t it ironic?

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