Re!Aktion reaktionaire Ein zweiter Blick in die Rostocker Verbindungsszene und deren Privilegiertensystem

Was haben Peter Raumsauer, Joseph Ratzinger und Hartmut Mehdorn gemeinsam? Sie alle waren in einer Studentenverbindung. Das wirft die Frage auf, inwiefern Burschenschaften & co. immernoch erfolgversprechend sind, was hier jedoch im >Konkreten< betrachtet werden soll - mit der Uni Rostock im Fokus. In diesem zweiten Teil sollen erneut einige lokale Studentenverbindungen, ihre Attraktivität für gewisses Klientel und was das eigentlich mit der Uni zu tun hat, näher beleuchtet werden.

Die Attraktivität einer Studentenverbindung

Es sind diese Privilegien, die Studentenverbindungen vermutlich immer noch attraktiv machen. So wirbt die Baltia mit:

1. Du suchst ein Zimmer
2. Wir sind Studenten, genau wie Du
3. Du kennst unser Haus nur von den Fotos hier
4. Der Weg ist nicht weit zu uns
5. Du benötigst Hilfe im Studium

Das klingt zwar ein bisschen verzweifelt, aber es zieht. Nirgendwo kann man so billig in der Innenstadt wohnen, wie in einer Studentenverbindung. Mann hat sofort Anschluss, Dozenten kommen zum Networking auf dein Haus und schaut man sich die Prominenz in der Verbindungsszene an, scheinen die Männerseilschaften bis in die obersten Riegen der Politik (Peter Ramsauer), der Medien (Kai Diekmann), der Wirtschaft (Hartmut Mehdorn) und der Kirche (Joseph Ratzinger), gut zu funktionieren.
Das heißt natürlich nicht, dass wir von Burschis regiert werden, aber es wird deutlich, wer an der gläsernen Decke mitbaut, an der sich so häufig Frauen die Köpfe stoßen.
Und diese Karrieremänner können auf ihrem Gebiet ihre im Verbindungshaus angelernte reaktionäre Politik fortführen und wahlweise in der BILD, im Bundestag, beim Bund deutscher Arbeitgeber oder von der Kanzel hetzen.

Und wie bereits im letzten Teil beschrieben, stoßen Studentenverbindungstypen an immer mehr Grenzen von verschiedenen Seiten. So haben am 15.11. Unbekannte die Fenster der Redaria Allemannia eingeschmissen. Witzig ist an der Geschichte vor Allem der Facebookeintrag der Redaren: „Wir wissen nichts über den Hintergrund, wer oder warum…was wir aber wissen ist folgendes: Gewalt ist die Sprache der Dummen! Wenn jemand was gegen uns hat oder uns etwas mitteilen möchte, kann er das jederzeit tun; wir setzen uns seit über 125 Jahren mit Meinungen und Argumenten jeglicher Couleur auseinander! Aber Gewalt gegen Menschen oder Sachen anzuwenden, um dadruch (sic!) seine „Meinung zu äußern“, ist schäbig und inakzeptabel!“

http://www.facebook.com/pages/Burschenschaft-Redaria-Allemannia-Rostock/227662737329690

Große Worte für eine schlagende Verbindung und natürlich darf die Gleichsetzung von Gewalt gegen Menschen und „Gewalt“ gegen Sachen dabei nicht fehlen. Es sei darauf hingewiesen, dass „ein Burschenhaus entglasen“ nicht das gleiche ist, wie eine Person zu verprügeln, nicht mal mit Säbel und Einverständnis.

Auch auf institutionellem Wege rissen die Aktionen gegen Studentenverbindungen am Ende des letzten Jahres nicht ab. Wie von uns kommentiert, organisierte die Grüne Hochschulgruppe einen heiß diskutierten veganen Stammtisch mit jeder Menge Besuch von Verbindungsmännern, deren seichte Kritik jedoch sauber abgewürgt werden konnte. Auch der StuRa positionierte sich sehr burschikritisch in seiner Stellungnahme vom 08.10.2014, bei der anscheinend 13 für die burschikritische Stellungnahme gestimmt hatten und einer dagegen – vermutlich der Verbindungsbruder aus der Redaria. Aus der Stellungnahme wird auch deutlich, worum es hier ebenfalls geht: Das Prestige der eigenen Uni.

Prestige der Uni

So heißt es in der Stellungnahme: „Diese rückwärtsgewandten und geschichtsrevisionistischen Einstellungen sind nicht vereinbar mit einer weltoffenen und toleranten Universität und der Grundordnung der Uni Rostock.“
Nun hat die Kritische Uni in den letzten Semestern häufiger darauf hingewiesen, dass unsere Universität nicht sonderlich weltoffen ist, es sei denn, man meint mit „weltoffen“ die im Kolonialismus „gesammelten“ Schrumpfköpfe in der Medizin oder die Kriegsforschung, die sicherlich ausschließlich außerhalb der Bundesrepublik Anwendung finden wird.

http://kritischeunihro.blogsport.de/2014/02/22/uni-rostocj-verstoesst-mal-wieder-gegen-die-zivilklausel/#more-42

Zur Toleranz der Universität sei nur auf die Zwiespältigkeit hingewiesen: Es wird durchaus viel toleriert, so zum Beispiel die Lehre und Forschung durch rechte Profs und Mitarbeiter, nicht so sehr aber flyerverteilende Studierende.
Also kurz: Jede Universität bekommt die Burschis, die sie verdient. Wär ich einer, hätte ich definitiv auch Interesse, hier zum Beispiel am Historischen Institut zu studieren, um meine Dozenten auch mal ganz privat in männerbündelnder Runde kennenzulernen.

Vernetzung Uni Rostock Burschenschaften/Hartig

So wäre es bestimmt nett, die geschichtsdidaktische Ausbildung bei einem Bundesbruder zu absolvieren und ihm – läuft die Stelle aus – via Petitionsklick unter die Arme zu greifen. Kritische Uni berichtete über die Petition einer nicht-korporierten Studentin, bei der RUCKZUCK gruselig viele Verbindungsmänner teilnahmen mit zum Teil wenig dezenten Namen a la Burschi Burschenschafter und gegen einen vermeintlich grassierenden Linksfaschismus an der Uni wetterten.

http://kritischeunihro.blogsport.de/2014/08/20/wie-eine-studentische-pedition-von-rechts-vereinnahmt-wird/
http://www.change.org/p/herr-sven-hartig-soll-am-historischen-institut-bleiben

Noch vor drei Jahren war es sogar Pflicht für alle Lehrämter, am Blockseminar vor der Schulpraktischen Übung im Corpshaus Visigothia teilzunehmen.

Vernetzung Uni Rostock Burschenschaften/Mrotzek

Sicherlich auch angenehm ist der Besuch eines Seminars bei Dr. Fred Mrotzek. Mrotzek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut, nutzt nicht nur die Bühne des wissenschaftlichen Seminars für seine Politik. Er ist zudem Vorsitzender des Verbandes der Opfer des Stalinismus, von wo aus er im Besonderen gegen die „SED-Nachfolgepartei“ wettert – wie zum Beispiel im Naziportal Mecklenburg und Pommern (MuP)-Info dokumentiert, wobei nicht herauszulesen ist, ob er mit den Nazijournalisten direkt gesprochen hat oder diese nur in der Nähe standen.

http://www.mupinfo.de/?p=13084

Außerdem ist er als „Kreisschatzmeisterin“ bei der CDU Rostock zuständig und in seiner Position als Rundfunkbeirat beim NDR tätig. Mrotzek war auch sehr engagiert in der Debatte um die Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock und hielt in der Thalia Buchhandlung wie selbstverständlich einen verunglimpfenden Vortrag + Buchvorstellung, bei der sich auch Kameraden der Neonaziszene Rostocks wiederfanden.
Er ist häufig zu Gast bei diversen Vertriebenenveranstaltungen, bei denen er gerne wieder und wieder von dem vergewaltigenden Iwan erzählt und vor allem „vom Leid der Zeit am schlimmsten Betroffenen“ (so die Selbstbezeichnung organisierter Vertriebener in der Vertriebenencharta).

http://suche.ostpreussenarchiv.de/online-archiv/file.asp?Folder=archiv10&File=4420101106paz62.htm&STR1=mrotzek&STR2=fred&STR3=&

In der Uni selbst ist er einer der Dozenten, die aus ihrer politischen Vorstellung keinen Hehl machen. So berichtete eine Kommilitonin, dass zumindest noch vor drei Jahren in seinem Büro ein Stauffenberg-Poster zu sehen war mit der Aufschrift „Lang lebe das heilige Deutschland“. In den Seminaren ist er Kumpel, vor allem zu den korporierten Teilnehmern, die dort überdurchschnittlich eingeschrieben sind. Mann unterhält sich über die letzte durchzechte Nacht und im Anschluss über vermeintlich geniale Militärstrategen, die einfach dem Falschen den Eid geschworen hatten.

http://kritischeunihro.blogsport.de/2014/02/22/leserinnenbrief-zeitzeugin-dokument-aus-einem-mrotzek-seminar/

Vernetzung Uni Rostock Burschenschaften/Jatzlauk

Und wenn dann noch zum Abend, der sich eigentlich nach rechts distanzierende Manfred Jatzlauk „aufs Haus“ kommt und vermutlich einen Vortrag zur Gloria Preußens, Bismarcks oder etwas anderes langweilig-deutschnationales hält, ist das Studentenleben aus Burschiperspektive doch gelungen.

(Foto von Jatzlauk auf dem Haus der Balten unter „Aktuelles“ bei albaltia.de)

Jatzlauk, jetzt grade beim Gang in die Rente, ist auf das 19. Jahrhundert Preußens spezialisiert und lässt in seinen Schriften eine Art Bewunderung für den Parchimer Reichseiniger Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke durchblicken. So beschreibt er diesen Kriegstreiber; „Der ungewöhnlich schweigsame und bescheidene Moltke (…) war humanistisch gebildet und vielseitig interessiert“ und weiterhin als Kenner von Goethe, Shakespeare, Heine und Mozart. (S. 479) Es ist nichts Schlimmes dabei, so eine Person vermeintlich neutral zu beschreiben und es ist kein unüberwindbarer Widerspruch, Goethe zu lesen und preußische Kriegsführung ins Osmanische Reich zu expandieren, jedoch liest sich der Text wie eine Art Wohlfühlgeschichte „großer“ Kriegsherren. So unterstellt Jatzlauk frei von Fußnoten: „Während der Kämpfe bemühte er sich (…) die schlimmsten Greueltaten zu verhindern, ohne indes viel dagegen ausrichten zu können. Kurdische Dörfer wurden von türkischen Truppen in Brand gesteckt.“ (S. 485) Das klingt durchaus wie eine Beschönigung einer anscheinend lieb gewonnenen historischen Person. Die Erwähnung, dass Moltke einen Beitrag zur „Totalisierung“ der Kriegsführung leistete, lässt Jatzlauk in einem Zitat quasi outgesourct erwähnen, um dann wieder schnell auf den Kurs des „militärischen Ruhms“ zu gelangen. Der Text scheint auf einer ersten Ebene eine schöne Geschichte über einen berühmten Mecklenburger erzählen zu wollen aus einer Art lokalpatriotistischer Perspektive und auf einer zweiten Ebene, den Landsmann noch etwas reinzuwaschen. Gut. Moltke hat preußische Kriegsführung exportiert, aber damit wären niemals „Greueltaten“ vollbracht worden – dafür waren die „Wüstensöhne“ zuständig, um ein ohne jegliche Anführungszeichen benutztes Wort Jatzlauks für den ersten Araber, den Moltke gesehen hat, zu bedienen. Was es eigentlich bedeutet, so ein Reich zu „einigen“, beziehungsweise die viel zu gut funktionierende preußische Kriegsführung zu verbreiten, bleibt weitgehend unerwähnt und wird mit „militärischem Ruhm“ zusammengefasst. Eine Geschichtsschreibung, die es zu überwinden gilt.

(Helmuth von Moltke. Weltreisender, Geograph und Militärstratege aus Mecklenburg, in : Studien zur ostelbischen Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1 (= Fs. für Gerhard Heitz zum 75. Geburtstag), hrsg. v. E. Münch u. R. Schattkowsky, Rostock 2000, S. 479-507. )

„Oben ankommen“

Wer also eine Geschichte studieren möchte, die nichts will außer deutsche Größe zu unterstreichen und deutsches Leid zu beklagen, studiere an der Uni Rostock. Und wer nicht „oben ankommen“ muss, sondern vielmehr „oben bleiben“ möchte, verteidige seine Privilegien doch in der kuschelig-kameradschaftlichen Atmosphäre einer hiesigen Studentenverbindung. Zum Beispiel bei der Redaria – die einzige Vorraussetzung: „Nur Bewerber, die männliche studierende Deutsche sind, können in eine Burschenschaft der Deutschen Burschenschaft aufgenommen werden. Deutscher ist grundsätzlich, wer sich durch Sprache, Kultur, gleiches geschichtliches Schicksal und Abstammung als Deutscher auszeichnet.“

aus dem Antrag der Redaria vom Burschentag 2013 in Eisenach/zugänglich nur durch hackende Kritiker*innen:
http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-deutsche-burschenschaft-streitet-wieder-um-ariernachweis-a-901174.html


1 Antwort auf „Re!Aktion reaktionaire Ein zweiter Blick in die Rostocker Verbindungsszene und deren Privilegiertensystem“


  1. 1 Hans Meyer 16. Februar 2015 um 14:25 Uhr

    Schöner Text!

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