Re!Aktion reaktionaire Ein erster Blick in die Rostocker Verbindungsszene und deren aktuelle Umtriebe

Die Landsmannschaft Al!Baltia lud, augenscheinlich als Reaktion auf die ungemütlicher werdende Stimmung für Studentenverbindungen in Rostock, zum „Open Tresen“ auf ihr Haus ein. Das geschah unter dem Slogan „Burschis! Kritischer Blick auf eine studentische Verbindung…durch dich!“ und dem Allgemeinplatz „Vorurteile bekommst du geschenkt, Urteile musst du dir selbst bilden“. Warum lädt die Al!Baltia stellvertretend zu sich nach Hause ein, um Rechenschaft abzulegen? Zu Methoden, Historie und Kontroversitäten der Rostocker Verbindungsszene oder: warum wir nicht mit Burschis über Burschenschaften reden müssen – ein erster Teil.

Burschi-kose Öffentlichkeitsarbeit
Per Flyer lud die dem Cobuger Covent zugehörige Al!Baltia zum 29.10.2014 zu sich in die Wielandstr. 9 ein – eine nette Idee mit begrenztem Effekt. Ein recht gängiges linkes Motiv gegen Burschenschaften, Corps und andere kaisertreue Traditionspfleger diente als eyecatcher für die Masse an Flyern in Farbe, die dazu sehr kurzfristig ausgelegt wurde (nach unserer Wahrnehmung zwei Tage vorher). Die Kurzfristigkeit wurde durch abgestellte Bundesbrüder, die weggenommene Flyer schnell nachlegten, wettgemacht. Ob diese Spontanität hier schlechte Planung oder Strategie war, muss offenbleiben. Zu hoffen bleibt, dass dies keine der leidigen Aufgaben war, die Füxe, also neue Verbindungsbrüder, übernehmen mussten.

http://ino.blogsport.de/2014/10/29/rostock-schlagende-landsmannschaft-laedt-zu-einem-kritischen-blick-am-29-10-14-ein/

Ungemütliche Atmosphäre im eigenen Heim
Offenbar ist es schwieriger geworden, als Korporierter an der Uni Rostock aufzutreten. Auf dem Campustag waren keine Burschen mehr wahrzunehmen. Es scheint, als hätte der AStA als Veranstalter keine Lust mehr, diesen Verbänden eine Plattform zu geben – jedoch auf der anderen Seite Scheu davor, ein Politikum daraus zu machen. Der Redaria gefällt das gar nicht:

http://www.redaria.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=14&Itemid=119

Bei der feierlichen Immatrikulation in der Marienkirche wurde die Stellungnahme der verfassten Studierendenschaft deutlicher: so gab es einen Distanzierungsbeschluss gegen alle Studentenverbindungen und eine Ablehnungsbekundung des bewaffneten Auftritts der Burschen bei der feierlichen Immatrikulation.
In den Jahren (Jahrzehnten, Jahrhunderten?) zuvor standen die lustig angezogenen und zum Teil bewaffneten Studentenverbindungstypen im Spalier vor dem Eingang der Marienkirche. Die ebenfalls lustig gekleidete universitäre Elite, zusammen mit Erstis und Gästen, musste durch diese Reihen in die Kirche gehen.
Dieses Jahr wurde zu einer Gegenkundgebung mobilisiert. Es kamen nicht wenige, die statt der Korporierten ein Protestspalier bildeten mit Bannern für Vielfalt und gegen Burschenschaften. Ein Einhornstofftier wurde neben die drei Burschenschafter und die Korporierten des Wingolf in die „zweite Reihe“ des Spaliers gestellt.
Sie hätten einem fast Leid tun können, wie die drei mutigsten Burschenschafter da standen in voller Wichse und mit ihren antiquierten Waffen, mit schlottrigen Knien und dem gleichzeitigen Zwang zur Contenance. Als die altehrwürdige Gemeinschaft der talartragenden DekanInnen, des Rektors und andere ankamen und der Rektor einige Worte mit den Burschenschaftern wechselte, die sofort ihre Waffen fallen ließen, hörte das Gepöbel der KommilitonInnen sofort auf. Vor der Unileitung mit Hüten war der Respekt dann vermutlich zu groß.

„Open“ Tresen

Wie kann aus kritischer Perspektive damit umgegangen werden, wenn ein Corps einen Open Tresen initiiert und damit sicherlich intendiert, eben dieser den Wind aus den Segeln zu nehmen und BurschenkritikerInnen vorwerfen zu können, dass sie sich schließlich gar keine Meinung dazu erlauben dürften, da sie nicht zum all-gender-Schnuppertag der Balten gegangen seien?

Laut eines sich als „Verbindungsstudent“ bezeichnenden Besuchers auf der Seite ino.blogsport.de sei nicht viel losgewesen und er der einzig anwesende Kritiker. Außerdem hätten die Corps ihren Sexismus klar bestätigt.

http://ino.blogsport.de/2014/10/29/rostock-schlagende-landsmannschaft-laedt-zu-einem-kritischen-blick-am-29-10-14-ein/

Auch auf der Facebookseite der Balten wird deutlich, dass vor allem Korporierte zu der Veranstaltung gegangen sind.

https://www.facebook.com/events/840748122626238/?ref=22

Aber KritikerInnen müssen sich das auch nicht antun. Es wäre wesentlich sinnvoller, sich die Traditionen, die Geschichte und aktuelle politische Positionierungen durch Bücher und online-Recherche anzueignen, als sich zum x-ten Mal anhören zu müssen, dass Burschis doch gar nicht rassistisch seien, weil sie einen türkischen Kumpel hätten und gar nicht homophob, weil sie ein schwules Mitglied hätten und gar nicht sexistisch, weil Frauen schließlich auch Verbindungen aufmachen könnten.
Das ist nicht der Punkt und das sind auch keine Argumente – eher Ausweichstrategien. Wer der vielgestellten Frage „Warum nehmt ihr keine Frauen auf?“ nur ausweichend entgegnet oder sich auf die Tradition bezieht ist mindestens ein Hohlkopf und identifiziert sich vielleicht auch mit der „glorreichen“ Studentenverbindungsgeschichte, die u.a. viele Jahre das Frauenstudium in Preußen unmöglich gemacht hat. Wird die Frage – wie beim StuRa am 29.10. vom Chargen (Vorsitzenden) der Obotriten Kolja Engelmann – beantwortet mit „Wir sind eine schlagende Verbindung – das wollen wir Frauen nicht antun.“, geht der Typ explizit von essentialistischen Geschlechtermerkmalen aus: Männer kämpfen und Frauen kochen.

http://www.heulermagazin.de/2014/10/live-stura-ticker-29-10-2014/

Aber um das besoffenen Corpsbrüdern argumentativ aus der Nase zu ziehen, braucht es viel investierte Lebensmüh – drum: lieber anlesen als Burschis fragen.
Außerdem kann gar nicht von einem offenenen Tresen die Rede sein, wenn dieser geradezu nach Patriarchat stinkt. Zumal frau sowieso die ganze Zeit das Gefühl hat, dass sie hier sonst nicht erwünscht ist.

Urteile a priori?

Studentenverbindungen stehen voll auf Geschichte. Alles was sie tun und was sie sind, begründen sie mit Geschichte und Tradition und „ist halt so“. Im Besonderen der Coburger Convent (CC) – zu dem die Al!Baltia gehört – macht jedes Jahr Klassenfahrten zu Kriegsdenkmälern und gedenkt gemeinsam den Toten des 1. und 2. Weltkrieges, worunter nicht wenige ihrer Kameraden der Vergangenheit sind.
Der Wahlspruch des CC ist schließlich „Ehre, Freiheit, Freundschaft und Vaterland“. All das sind Dinge, die im Krieg seit dem 19. Jahrhundert wichtig sind und die Individuen voller Stolz&Stumpfsinn an die Front und im Namen des Vaterlandes, der Ehre und Freiheit in den Tod treiben. Die Toten zu betrauern, scheint unangebracht, sind doch viele dieser Toten (Massen-)Mörder aus der Wehrmacht und der SS. Zudem kann man(n) Kriegstote betrauern wie man will, wenn daraus nicht irgendwann der Schluss gezogen wird, dass das vielgeehrte Vaterland doch etwas mit der Notwendigkeit von Massengräbern zu tun haben könnte. Der Kampf für die Freiheit, der in Wirklichkeit den Kampf für die deutsche Freiheit und damit unter Anderem Auschwitz bedeutete, ist eine hohle Phrase und meint tatsächlich nur ein reines Betrauern der eigenen Verluste – Verluste „arischen Blutes“.
Wie genau das die Al!Baltia sieht, wird auf dem Internetauftritt nicht deutlich, dafür gibt es viele Freundschaftsbekundungen zur Mecklenburgia Rostock zu Hamburg (am 6.12. besucht mann sich das nächste Mal) und diese Verbindung scheint ein bisschen mutiger in der Außenwirkung zu sein. So bezieht sich diese positiv auf die Rede ihres Kameraden Prof. Dr. med. Dieter Wiebecke, Oberarzt der Reserve, die er 1993 am CC-Ehrenmal gehalten hat, welches von einem designierten Liebling der Nationalsozialisten entworfen wurde. Die Rede vergleicht die Wehrmachtsoldaten in Stalingrad und die Durchhalte-Deutschen kurz vor der Befreiung mit den 300 Spartiaten im Kampf gegen die persische Armee. Außerdem wird bedauert (!), der Spirit of ’43 sei heute nicht mehr so im Trend. Zum Nachlesen:

http://www.mecklenburgia.de/dokumente/Gedenkrede_am_CC-Ehrenmal_am_31._Mai_1993.pdf

Es bedarf nicht vieler Klicks, um das herauszufinden und viel Interessantes kann beim Recherchieren entdeckt werden: noch ein weiterer Dozent des Historischen Instituts scheint nicht vor Corpsgeist gefeit zu sein. So war Dr. Manfred Jatzlauk sich im Juni diesen Jahres anscheinend nicht zu schade, beim Baltenabend einen Vortrag im Männerfreiraum zu halten und damit direkt am Privilegiertensystem mitzuwirken. http://albaltia.de/ (→ unter Aktuelles)

Aber dazu mehr beim nächsten Mal…