Aufgetischt – Burschen, Grüne und andere Geschmacklosigkeiten

Mit dem Versuch der Grünen Hochschulgruppe, sich und andere über die Umtriebe von korporierten Studenten an der Uni Rostock zu informieren, ist der aktuelle Diskurs über Studentenverbindungen in eine neue Runde gegangen. Bereits vor der Veranstaltung „Aufgetischt – von Ariererlassen und Couleurdamen“ am 10.12. waren Verbindungsmänner auf der Facebookseite der Veranstaltung präsent und hinterließen auf der grünen Pinnwand einiges an interessanten Einsichten in die burschikose Gedankenwelt, was die Grüne Hochschulgruppe leicht überzogen gar als „Bambule im Voraus“ betitelte.
Auch während der abendlichen Veranstaltung waren einige Korporierte anwesend. Eine gute Gelegenheit, dieses kleine Politikum einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, welches sich so stilvoll in die aktuellen Ereignisse rund um die Lebensbündler einfügt.
Im Folgenden sollen die Geschehnisse näher beleuchtet werden. Versäumnisse der VeranstalterInnen und Argumente werden auf diesem Wege aufgezeigt und in den Kontext gerückt.

Burschen stilisieren sich als Opfer
Nun regen sich ja viele MedienwissenschaftlerInnen auf, dass durch das teilanonymisierte Internet die Menschen vor dem Posten und Trollen ihre Köpfchen ausschalten und munter drauf losspamen. So oder so ähnlich muss es auch vor dem veganen Stammtisch passiert sein, anders ist das Ergebnis auf der Facebookseite der Veranstaltung wohl nicht zu erklären. Oder etwa doch?
Zumindest für eine kritische Betrachtung ist so etwas Gold wert, lässt sich hier anscheinend in die Gehirnwindungen der Burschis blicken.
Stellen sich Korporierte vom christlichen Wingolf bis zur schlagenden Verbindung mittlerweile als nette Studenten von nebenan dar, tut sich hier ein anderes Bild auf, das den gemeinsamen Schlachtruf aller Brüder wiedergibt. Und dieser lautet: Endlich wieder Opfer sein! Opfer einer zu emanzipierten Umwelt, die sie angeblich diskriminieren würde. Opfer vom vermeintlichen Genderwahn. Opfer einer Studierendenschaft, die sich nicht mehr zur Nation bekennt.

Faschismusvorwürfe ohne Sinn und Verstand
Da lässt sich auf der Pinnwand lesen:
„Die Referentin erhebt keinen Anspruch auf Objektivität […]. Ja das ist der Anspruch moderner Akademiker und liberaler Freidenker. Wieso erinnern mich diese Formulierungen so sehr an Deutschland vor einigen Jahrzehnten, ein Deutschland, das ich nie wieder möchte?“
Nun könnte man grübeln, ob der werte Herr die DDR meint oder „einige Jahrzehnte“ eher auf den deutschen Nationalsozialismus anspielen.
Gehopst wie gesprungen ist die Antwort, denn es liegt klar auf der Hand, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Burschis nur schwer mit beidem zusammenzudenken ist – außer in deren Logik. So erinnert dieser Kommentar doch schwer an neurechte Brandstifter à la Sloterdijk mit seinem Gefasel vom Linksfaschismus. Seinen antimodernen mit einem weinenden Auge auf die Deutsche Reichsgründung zurückblickenden Anspruch macht der Autor hier ebenso deutlich, wie den Fakt, dass er die Ursache, Ideologie und deutsche Kontinuität des Nationalsozialismus nicht verstanden hat.

Aber wir Burschen wurden im NS doch auch verboten…
Es ist schon nicht leicht als Korporierter. Nicht nur, dass man blöde Klamotten tragen und sich die Leber kaputt trinken muss, nein: nun machen nach der Gleichschaltung im NS auch noch Gutmenschen auf die Burschen Jagd. Vor allem das „Verbot“ im NS ist immer wieder ein burschenschaftliches Argument, das wieder in die Opferecke geht. Mag es auch bei einigen Burschenschaften, Corps etc. Widerständler gegeben haben, so wird die Opferinszenierung spätestens dann hinfällig, wenn man sich den Werdegang der Individuen in den Studentenverbindungen nach der Gleichschaltung ansieht. Hier lassen sich nicht nur haufenweise Nutznießer des Faschismus finden, sondern eben auch waschechte Nazis, die noch vor dem NS durch ihren Nationalismus und völkisches Gedankengut dessen Wegbereiter waren. So lange die einzelnen studentischen Verbindungen diese, ihre Geschichte nicht aufarbeiten und sich ihr stellen, führt sie ihr Traditionsbezug notwendigerweise nach rechts.

Aber wir Burschen sind gar nicht homophob, sexistisch…
Auch zu diesem Thema ließen sich verschiedene Aussagen auf der Pinnwand lesen, die jedoch ebenfalls nur als Symptom ihrer Ideologie erschienen. Ähnliches gibt es eben auch auf verschiedenen eigenen Webpräsenzen. Zu beobachten ist vor allem ein markantes Unwissen von Thematik und Inhalt des Vorwurfes. So gab es, nachdem die Grüne Hochschulgruppe eine Pseudoauschlussklausel verfasste, nach der die VeranstalterInnen keine Sexismen, Rassismem und ähnliches dulden würden, den Kommentar, dass der schwule Bundesbruder eines burschenschaftlichen Kommentators es ebenfalls nicht gutheißen würde, mit Sexismus in Verbindung gebracht zu werden. Nun ist erstaunlich, dass dieser als homosexuell markiert werden muss, um etwas gegen Sexismus zu haben. Genauso wenig leuchtet ein, warum ein Mann kein Sexist sein kann. Wird er aufgrund seiner Sexualität diskriminiert, heißt das eben lange noch nicht, dass er keine Frauen abwerten kann.
Nun ja, wer konsequent Frauen aus Gemeinschaften ausschließt und immernoch behauptet, keine sexistischen Anteile zu haben, ist in der Argumentation eh nicht sonderlich konsistent…

Eine offenbar hilflose Grüne Hochschulgruppe

Nachdem dieses und anderes scheinbar vollkommen unerwartet auf der Facebookseite losging, geschah erst einmal nicht viel – außer, dass insistiert wurde, es wäre ja nicht sonderlich nett, jemandem in die „Veganersuppe“ spucken zu wollen. Nun ja, der Ankündigungstext wurde entschärft, was auf burschenschaftlicher Seite für Freude sorgte. Nachdem die Grünen den Druck auf der Webpräsenz nachgegeben hatten, merkten sie an, dass es anscheinend unerwartetes Interesse an der Veranstaltung durch Burschen geben würde. Was daran „unerwartet“ sein könnte, bleibt schleierhaft, liegt ein burschenschaftliches Interesse für solche Veranstaltungen doch auf der Hand. So gab es in Rostock in den letzten Jahren keine größeren Veranstaltungen zur Neuen Rechten oder Burschenschaften, ohne dass diese die Aufmerksamkeit jener auf sich zogen.
So vollkommen unvorbereitet in einen Diskurs eintreten zu wollen und dann auch noch so offensichtlich falsche politische Entscheidungen zu treffen, lässt in jedem Fall tief blicken.

Seilschaften in die Uni bleiben unerwähnt

Mit einer Einschätzung hatte die Grüne Hochschulgruppe jedoch recht: Der Abend war ein Erfolg. Der Vortrag war informativ und nahm unter anderem eine Differenzierung von Verbindungen vor, was für eine gute Kritik wichtig ist. Es wurde klar, dass im Speziellen die Redaren nach dem Rechtsruck im Dachverband Deutsche Burschenschaft zwar klug taktierten und austraten, sich an ihrem Gedankengut jedoch nicht viel änderte. Auch dem ein oder anderen Wingolfiten dürfte nun aufgefallen sein, dass ihr lieber Stammvater Ernst Moritz Arndt ein Problem mit Jüdinnen und Juden gehabt haben dürfte. Anscheinend hatte die Referentin ihre Hausaufgaben gemacht.
Was auf ein noch größeres Problem verweist. Die Beziehungen von Profs und Mitarbeitern der Universität Rostock zu den Verbindungen blieben trotz vorgeblichen Fachwissens vollkommen unerwähnt. Warum bleibt fraglich. Wenn sich die Referentin nämlich so gut mit Rostocks Burschen auskennt, warum lässt sie diesen wichtigen Faktor außen vor?
Spätestens nach dem Flyer „Extremismus der Mitte“ müsste allen klar sein, dass vor allem das Historische Institut Unterstützer und mindestens einen Lebensbündler auf ihrer Gehaltsliste hat. Neben Dr. Mrotzek, der der Studentenverbindungsszene nahezustehen scheint, ist da auch noch Sven Hartig, dem seine Bundesbrüder per Petition zur Seite standen, als seine Stelle drohte, nicht verlängert zu werden. Und auch ein Dr. Jatzlauk ist sich nicht zu schade, von einem Corps eingeladen zu werden und dort einen Vortrag zu halten. Wird dies außer Acht gelassen, kann eine Kritik nur zu kurz greifen und ist Wasser auf die Mühlen Rostocker Zustände.

Facebookseite der Veranstaltung:


1 Antwort auf „Aufgetischt – Burschen, Grüne und andere Geschmacklosigkeiten“


  1. 1 GHG 12. Januar 2015 um 21:08 Uhr

    Liebe Kritische Uni,

    wir begrüßen es, dass auch auf dieser Plattform noch einmal deutlich gemacht wurde, dass Burschenschaften und ihre Argumentationslogik einen hohen Diskussionsbedarf aufwerfen und kritisch betrachtet werden sollten.
    Schade finden wir, dass unsere Veranstaltung „Aufgetischt!“ mit dem Zweck einer differenzierten Auseinandersetzung zu diesem Thema in dem vorliegenden Artikel unbeholfen und der Versuch einer möglichst umfassenden Information in diesem Rahmen eher unsympathisch wirkt. Vor allem der Titel, in dem wir erstens fälschlicherweise als Grüne (die Grüne Hochschulgruppe ist nicht parteigebunden) und zweitens in einem Atemzug mit den „Burschen“ als „Geschmacklosigkeit“ genannt werden, hätte vermieden werden können.
    Die angesprochenen Kritikpunkte nehmen wir gerne zur Kenntnis. Zwar lief die Veröffentlichung des Antragstextes, der auch auf Facebook zu sehen war, nicht ideal und wurde deswegen auch noch einmal korrigiert, dass wir unvorbereitet in den Diskurs gegangen sind, stimmt so aber nicht. Wie im Text richtig bemerkt, hat unsere Referentin ihre Hausaufgaben gemacht, einen sehr informativen Vortrag gehalten und sich auch durch die Masse an Menschen, die an dem Abend der Veranstaltung zu uns gefunden haben, nicht aus dem Konzept bringen lassen. Tatsächlich waren wir selbst von der Anzahl der Besucher überrascht und in Anbetracht vorausgegangener Veranstaltungen und des dortigen Publikums auch von der regen Teilnahme der Burschenschaftler. Allerdings gab es trotz der teilweise unschönen Kommentare auf Facebook keinerlei negative Zwischenfälle und alle Anwesenden konnten sich am Ende an der Diskussion beteiligen. Dass im Vortrag nicht erwähnt wurde, welche Verbindungen ProfessorInnen und MitarbeiterInnen zu den Burschenschaften haben, sehen wir, trotz verständlicher Brisanz des Themas, nicht als problematisch an. Wir haben hier nichts vorenthalten wollen, sondern das Programm nahm lediglich einen anderen Lauf und der Fokus lag eher auf dem geschichtlichen Hintergrund und den Studierenden in Burschenschaften sowie deren Organisationen.
    Und ja: die Veranstaltung war ein Erfolg!

    Die grüne Hochschulgruppe

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