Offene Streitkultur? Klaus-Dieter Kaiser gibt niedliche Denkanstöße

In der Ostseezeitung vom 20.6.2014 äußert sich der Leiter der Evangelischen Akademie Rostock, Klaus-Dieter Kaiser, zur Situation an der Uni Rostock und zur Flugblattaktion der Kritischen Uni. Er zeichnet dabei ein völlig idealisiertes Bild des Lehrbetriebes und ruft zur Solidarität mit rechten Professoren auf.

„Wie viel ärmer wäre unsere Hansestadt ohne diesen Ort der Forschung und Lehre“ fragt Klaus-Dieter Kaiser unter der Kategorie „Denkanstoss“ der OZ vom 20. Juni. Ganz abgesehen von der lokalpatriotistischen Hauptnote dieser Frage, hat der Direktor der Evangelischen Akademie natürlich recht: Rostock wäre ohne die Universität als größter Arbeitgeberin der Stadt und ohne Studierende, die ihren Klausurenfrust in hippen oder alternativen Kneipen der Stadt betäuben, wahrscheinlich ähnlich wie die mecklenburgische Schwester Schwerin, ein muffiges BeamtInnendorf – nur ohne Schloss.

Die Uni Rostock – ein Raum der Aufklärung?

Herr Kaiser zeichnet ein sehr postitives, nahezu utopisches Bild der Uni Rostock: „Sie ist ein Ort offener Diskussion, des kritischen Nachfrages, des Abwägens der Argumente, des Offenlegens der Interessen, um so zu neuen Einsichten zu kommen. (…) So wird eine Universität zum Raum der Aufklärung und zum Spiegel für Demokratie in der ganzen Gesellschaft. Die Universität wird zu einem Ort der Freiheit und Mündigkeit, die in die ganze Stadt ausstrahlen. Welch ein Schatz.“

Dialektik der Aufklärung

Herr Kaiser hat anscheinend ein paar Veränderungen der letzten Jahre verpasst: eine davon ist Bologna. Die Universität ist ein Ort des Bildungskonsums. EineR spricht, viele lauschen und schreiben und holen das aufgesogene, standartisierte Wissen im Idealfall zum Klausurentermin wieder raus. Zu offene Diskussionen werden schnell durch die Autorität der Lehrenden unterbrochen, gerne mit Verweis auf Zeit und Relevanz. Die Freiheit im Studium beschränkt sich auf die Wahlfreiheit zwischen einem guten, einigermaßen kritischen und einem schnellen Studium, wobei diese massiv eingeschränkt ist durch bei den meisten nicht vorhandene finanzielle Ressourcen, dem Druck, funktionieren zu müssen, psychische Krankheiten aller Art, erdrückende Nebenjobs und jedwede Kreativität tötende Lernaufträge.
In dieser Freiheit, die keine ist, wird es auch schwer mit der von Herrn Kaiser unterstellten Mündigkeit. Diese ist schließlich eine Spielart der Unabhängigkeit, aber: Wie bitte kann ich unabhängig studieren, wenn ich Geld brauche und wie kann ich interessegeleitet studieren, wenn ich in Seminare muss, die mich nicht interessieren, mir dafür aber andere, die mich interessieren, nicht anrechnen lassen kann? Wie mündig können Studierende zwischen Fristen und Hierarchien sein und vor allem – wenn die Personen, mit denen man so richtig debattieren möchte, die eigenen Prüfer sind?

Sanktioniertes Engagement

Eben gar nicht und das ist der Trend. Die Konsumhaltung setzt sich durch. Bald hat keinE StudentIn mehr Zeit für Engagement, Bildungsstreik etc. und nach ein paar Bloßstellungen im Seminarraum oder Verweisen auf Zeit und Relevanz kein Interesse mehr, im Seminar eine kritische Haltung einzunehmen.
Aber wenn dann doch eine Gruppe auf die Idee kommt, sich aus der Unmündigkeit ein Stück weit zu befreien, insbesondere wegen des unerträglichen Zustands in einem Abhängigkeitsverhältnis von rechten Dozenten in Seminaren nicht frei diskutieren zu können und sich aus Befürchtungen vor Exmatrikulierung, schlechter Bewertungen von PrüferInnen oder auch Strafverfolgung für den Weg eines anonymen Flugblatts entscheiden, mit schnell recherchierbaren Informationen über die politischen Aktivitäten der betroffenene Herren, findet das Herr Kaiser nicht gut. Er findet das sogar – zumindet klingt das in seiner gleichgeschaltete Uni-Dystopie an – ziemlich DDR.
Ich finde es eher DDR, wegen einer Flugblattaktion so einen Aufriss zu machen – weniger bornierte Universitäten haben wegen der Strafanzeige der Uni Rostock gewiss herzlich gelacht.

Herr Kaiser aber wünscht sich, dass alle solidarisch sind mit den kritisierten Lehrenden und lässt dabei zu sehr durchscheinen, was er eigentlich will: Er verwechselt Solidarität mit Harmonie und eine offene Streitkultur mit dem Burgfrieden.
Probleme dürfen nicht angesprochen, Strukturen nicht kritisiert werden. „Und wir können selbstbewusst das Jubiläum im Jahr 2019 feiern.“ Image ist alles.

Metagespräch& Dankeschön

Allerdings muss sich die Kritische Uni auch bei Herrn Kaiser bedanken, da er unsere Aktivitäten über die Presse bekannter gemacht hat: Im Gegensatz zu ihm gehören wir nämlich nicht zu den Privilegierten im demokratischen Herrschaftsregime, die einfach so nach Lust und Laune in einem Massenmedium ihre Gedanken unterbringen können. Um Zugang zu Massenmedien zu erhalten, müssen wir immer erst einen Skandal inszenieren. Deshalb sind wir immer sehr dankbar, wenn demokratische Funktionseliten wie Herr Kaiser ihre Privilegien nutzen, um uns ins Gespräch zu bringen. Die guten Klick-Zahlen um den 20. Juni verdanken wir ihm. Auf diesem Wege vielen Dank für Ihre Unterstützung.

EinE NestbeschmutzerIn