Studentisches Kolloquium anlässlich der Emeritierung Egon Flaigs

Die Pensionierung Prof. Egon Flaigs scheint für einige StudentInnen ein Anlass geworden zu sein, sich kritisch mit dessen Inhalten auseinanderzusetzen. Am Dienstag, den 8.7.2014, veranstaltet eine Gruppe Studierender ein „Gegenkolloquium“ anlässlich der universitären Feierlichkeiten zur Emeritierung Prof. Dr. Egon Flaigs am Ende der Woche.

Zum Ankündigungstext der Gruppe einen Kommentar.

Im per Mail und Flugblatt verteilten Ankündigungstext schreibt die Gruppe:

_„An­läss­lich der Eme­ri­tie­rung des neu-​rech­ten Kul­tur­kämp­fers Prof. Dr. Egon Flaig ver­an­stal­tet die Uni­ver­si­tät Ros­tock ein alt­his­to­ri­sches Kol­lo­qui­um, dass „Egon Flaig für seine viel­fäl­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Ver­diens­te ehren soll.

Bei der er­wart­bar ein­sei­ti­gen uni­ver­si­tä­ren Ju­bel­ver­an­stal­tung wird Flaigs kul­tu­ra­lis­ti­scher Po­pu­lis­mus ver­mut­lich un­re­flek­tiert ge­ehrt wer­den.

Um der als Wis­sen­schaft ge­tarn­ten Pro­pa­gan­da der „Neuen Rech­ten“ und ihren uni­ver­si­tä­ren Schön­red­ner_in­nen aus der an­geb­li­chen Mitte der Ge­sell­schaft etwas ent­ge­gen zu set­zen, fin­det am 08.​07.​2014 um 19.​00 Uhr im JAZ ein stu­den­ti­sches Ge­gen­kol­lo­qui­um statt.

In der Ver­an­stal­tung wird zu­erst ein kur­zer Ab­riss über das po­li­ti­sche Le­bens­werk Prof. Dr. Egon Flaigs ge­ge­ben wer­den. An­schlie­ßend möch­ten wir in Klein­grup­pen an­hand flaig­scher Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­mein­sam die darin ent­hal­te­nen Po­si­tio­nen her­aus­ar­bei­ten und dis­ku­tie­ren.

Ver­an­stal­tet wird das Ge­gen­kol­lo­qui­um von einer Grup­pe Stu­den­t_in­nen, die sich am Ver­sa­gen der uni­ver­si­tä­ren Öf­fent­lich­keit im Um­gang mit neu-​rech­ten Ideo­lo­gi­en stö­ren. Als ein ers­ter Schritt soll des­halb mit der Ver­an­stal­tung ein Kon­tra­punkt in der De­bat­te ge­setzt wer­den.“ (Ankündigung zu Ende).

Uni ohne Rassismus?

Anfang des Jahres hatte der AStA-Vorsitzende Clemens Schiewek versucht, mit einer Initiative „Uni ohne Rassismus“ u.a. unserer Kritik an der Nicht-Positionierung des AStAs gegenüber den neu-rechten Strömungen an der Uni den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das Projekt war schnell erledigt. Mit einer halbherzig beworbenen Podiumsdiskussion, die das Projekt bei Radio Lohro vorstellte, war es schon fast vorbei. Das lag u.a. an der grünen „Rechtsextremismus-Expertin“ Dr. Gudrun Heinrich vom Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften, die u.a. mit Sätzen wie „In einer offenen Gesellschaft muss auch für Nazis Platz sein“ ihre „demokratische Position“ verdeutlichte und massiv auf die Extremismus-Theorie rekurrierte.

Werbereifes Marketing-Blabla statt Inhalte
Aber auch die studentische Prorektorin Isabelle Pejic gab sich allerbeste Mühe, die konkreten Rassismus-Probleme an der Uni mit marketingreifen Werbeblabla zu vernebeln. Nicht einmal der Begriff „Rassismus“ scheint Konsens gewesen zu sein. Statt das Problem beim Namen zu nennen, klingt es im Lohro-Mitschnitt so, als sei es vornehmlich um den guten Ruf der Universität und um ein universitäres Wohlfühlklima für weiße, gesunde, gebildete, privilegierte Wohlstandskinder gegangen. Die Folge einer solchen Politik zeigte sich beim Auftakt-Workshop in der folgenden Woche. Dieser floppte gerüchteweise völlig mangels TeilnehmerInnen. Vielleicht wollte sich niemand für eine PR-Kampagne des AStAs hergeben? Seit dem ist es in Bezug auf die Neue Rechte von seiten studentischer Gremien still geworden.

Kritik wieder ohne AStA
Nun scheint sich erneut eine Gruppe Studierender zusammengefunden zu haben, um anlässlich des Emeritierungsbrimboriums um Prof. Egon Flaig den universitären ClaqueurInnen etwas entgegen zu setzen. Und wieder sind augenscheinlich AStA, Fachschaftsräte und politische Hochschulgruppen nicht mit von der Partie. Ehrlich gesagt fehlt hier Insider-Wissen. Um beurteilen zu können, in wie weit MitgliederInnen besagter Gremien beteiligt sind bzw. ob die studentischen Gremien die engagierten Studies mit ihrer üblichen Art vergrault haben, oder gar die Performance des AStAs bei der Studierendenschaft bereits derart Eindruck gemacht hat, dass die OrganisatorInnen von vornherein auf den Versuch verzichtet haben, die studentischen KonformistInnen-Gangs mit ins Boot zu holen. Fakt ist, die studentischen Gremien sind offiziell wieder nicht dabei, wenn es darum geht, die in Rostock herrschenden Zustände zu kritisieren.

Analyse statt Dämonisierung
Doch so lobenswert es auch ist, angesichts eines neu-rechten Ideologen wie Egon Flaig zu protestieren, ist eine politische Analyse der herrschenden Zustände unverzichtbar. Es reicht keinesfalls, einen zugegebener Maßen besonders unappetitlichen Prof zu dämonisieren. Zwar zeigt die von der Gegenkolloquium-Gruppe veröffentlichte Essay-Sammlung , dass sich die OrganisatorInnen intensiv mit Flaigs Texten auseinander gesetzt haben, aber emanzipatorischer Protest muss auch immer die Frage nach den herrschen Verhältnissen stellen. Emanzipatorischer Protest muss auch fragen, wie es überhaupt sein kann, dass einer wie Flaig jahrelang ungestört seine rassistischen Thesen im pseudowissenschaftlichen Gewand unter die Leute bringen konnte.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen betrachten
Bei der Beantwortung der Frage muss dann auffallen, dass er es kann, weil er bei weitem nicht der Einzige ist. Er kann es, weil studentische Gremien ihn machen lassen und der Rektor es beschönigt.
Und auch der Bildungsminister Brodkorb trägt seinen Teil zur Beschönigung neu-rechter Ideologien bei.

Rechte Ideologie als Normalität in der „Mitte“
All diese Faktoren bedingen, dass es an der Uni Rostock als „normal“ wahrgenommen wird, wenn Profs rechte Sprüche lassen, NPDler in den Seminaren sitzen, knallharte rechte Ideologen die Veranstaltungen für ihre Zwecke nutzen und Jugendoffiziere an die Uni kommen können.

Akzeptanz von rechter Ideologie an der Uni Rostock
Das diese unterschwellige Akzeptanz von rechtem Gedankengut nicht folgenlos bleibt, kann man ebenfalls an der Uni Rostock beobachten. So scheint es hier ebenfalls völlig normal, kritische Veranstaltungen mittels Hausrecht und Inlandsgeheimdienst zu verbieten, de facto eine technische Komplettüberwachung aller Studierender einzurichten, das Recht auf Meinungsfreiheit an eine Werbefirma wie Novus marketing zu verscherbeln und Studierende, die kritische Flugblätter verteilen, allein deswegen mittels Strafverfolgung zu kriminalisieren. Nur wenn man sich diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen klar macht, wird deutlich, warum es an der Uni Rostock ausreicht, einen handfesten Skandal auszulösen, indem Studierende einen Prof öffentlich durch Flyer kritisieren.

Uni Rostock: Ein post-demokratischer Leuchtturm?
Vielleicht muss man das aber alles auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Mit ein bisschen Pech ist die Uni Rostock nicht rückständig, sondern ihrer Zeit voraus. Falls die postdemokratische Entwicklung so weiter geht wie bisher, dann ist die Uni Rostock vielleicht ein Leuchtturm der Postdemokratie. Kein einziges Grundrecht und keine einzige demokratische Institution wurde formal suspendiert oder abgeschafft. Aber die gesellschaftlichen Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass sie nur noch als hohle Form und als propagandistische Phrase der Mächtigen existieren, während der oder die einzelnen Menschen kaum Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs haben. Hier zeigt sich vielleicht exemplarisch, wie der „Extremismus der Mitte“ entsteht.