Leserinnenbrief: Zeitzeugin-Dokument aus einem Mrotzek-Seminar

Wir haben einen Leserinnenbrief erhalten, in dem eine Studierende ihr Seminar bei Dr. Mrotzek resümiert. Dabei wird sowohl die Wirkung der Inhalte, als der spezifisch soziokulturelle Beat, den ein Seminar bei einem sexistischen chauvinistischen reaktionären Dozenten auf verständliche Art dargestellt. Darüber hinaus kritisiert der Brief unsere „Verteufelung“ von institutionaliserten Politikformen. Wir fanden den Text sehr interessant und kommen deshalb der Bitte um anonyme Veröffentlichung gerne nach.

Liebe Kritische Uni!
Ich habe euer Wirken an der Uni Rostock gespannt verfolgt und bin eifrige Leserin eures Blogs. Auch wenn ich mich nicht komplett mit eurem herauszulesenden politischen Selbstverständnis identifizieren kann, kann ich nicht wirklich sagen, dass mein Weg bisher wirkungsvoller war.
So rede ich mir seit Jahren in Bezug auf eure größeren Themen Kapitalismus und Rechtspopulismus an der Uni gefühlt den Mund fusselig und viele sagen auch „Aha!“ und „Oh!“ und „Da müsste man mal was machen!“, aber so richtig passiert ist noch nichts bis zu eurem provokanten Flyer(n).
Und auch wenn mir die Verteufelung von institutioneller Politik nicht richtig schlüssig ist (ich denke, der „Marsch in die Instituionen“ ist weiterhin notwendig) und mir eine feministische Lesart bei euch fehlt, möchte ich gerne meinen Teil beitragen und sage HUT AB!

Damit wären wir auch gleich beim Thema. Denn auch wenn es in eurer Mrotzek-Kritik bereits durchgeklungen ist, scheint ihr keine Ahnung zu haben, was es für eine Frau bedeutet, in einem von Mrotzeks Seminaren zu sitzen.

KUMPELTYP
Fred Mrotzek erreicht viele Student_innen des Historischen Instituts und macht sich dabei zumeist nicht unbeliebt. In den Grundkursen wird er als legerer Kumpeltyp wahrgenommen. Er sei einer, mit dem man(n) ein Bier trinken wollen würde.
Doch es kann auch ein diffuses Unwohlsein entstehen in einem seiner Seminare. So zum Beispiel, wenn er Studentinnen gegenüber recht flapsig auftritt – um nicht zu sagen: ein derbes Machoverhalten an den Tag legt. Es ist schwer zu beschreiben (vor allem, ohne persöhnlich blank zu ziehen), aber es ist die Art zu reden, die dabei aufgefallen ist, die Spitznamen, die er so verteilt hat und der nichts-erwartende Blick, wenn er eine Studentin zum Wortbeitrag aufgefordert hat. Keine der anwesenden Studentinnen hat sich – ich schätze ob der männlichen Geschichtsschreibung, die im Seminar vorHERRschte – gemeldet.

Es kommt in einem Seminar, wie zum Beispiel mit dem Titel „Der Zweite Weltkrieg“ schon mal dazu, dass ein vorwiegend männliches und kriegsinteressiertes studentisches Publikum zu Besuch ist.

TÄTERGESCHICHTE
Der Themenkatalog ist vielversprechend: Diverse Kriegsschauplätze werden näher unter die Lupe genommen, Schlachtenkonstellationen betrachtet, „große Heerführer“ angehimmelt und die Vertreibung deutscher Menschen aus Osteuropa thematisiert. Tätergeschichte. Im Vorteil ist, wer schon als kleiner Junge von Papa diverse Kriegsbücher bekommen hat.
Eines fehlte nahezu aufdringlich: Wo blieb die Shoah? Keine Sitzung widmete sich DEM Thema des Zweiten Weltkrieges. Dafür widmete Mrotzek gleich zwei Sitzungen der Vertreibung von Deutschen. Ist die Shoah so selbstverständlich mit dem Zweiten Weltkrieg verwachsen, dass sie keiner Rede mehr bedarf? Beziehungsweise reicht es aus, noch einmal in einer Fußnote zu erwähnen, dass der deutsche faschistische Imperialismus und Menschenhass so und so viele Menschen auf dem Gewissen hat? Ist es überhaupt erwähnenswert, dass viele dieser Menschen industriell, massenhaft und mit tätowierten Nummern entmenschlicht getötet wurden?

Ich würde sagen: Natürlich. Es kann kein Seminar zum Zweiten Weltkrieg geben, ohne eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Shoah – zumindest (!!!) einer gleichberechtigten Auseinandersetzung mit den Vertriebenen. So dass die Charta der Heimatvertriebenen von 1950 und ihr blinder Inhalt: „die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden“, sich nicht als Ergebnis eines Semesters Auseinandersetzung mit dem Thema festsetzt. Danke, dass ihr meinen Verdacht bestätigt habt und Mrotzek seine Landsmannschaftsnähe nachweisen konntet.

Man kann keine Geschichte des Zweiten Weltkriegs erzählen, ohne die Shoah. Es kann keinen Zugang zum Stoff geben, der nur die Schlachten betrachtet – wurde doch alles, was an der Front konsumiert und verpulvert wurde, in der „Heimat“ von entrechteten Zwangsarbeiter_innen hergestellt. Es gab auch nie so etwas wie eine saubere Wehrmacht neben der bösen SS. Auch die „normalen“ Einheiten waren an Massenerschießungen beteiligt – wie zum Beispiel in Weißrussland. Zudem rückte die SS doch immer Schritt für Schritt hinterher und vollendete das, was die „Saubermänner“ begannen. Im Seminar wurde die Enthüllung des SPIEGELs um die „nicht perfekte“ Wehrmacht zwar erwähnt, aber mehr auch nicht. Wichtiger war, die Rote Armee als seelenlose, völkisch unsolidarische Maschinen in ihren grauesten Tönen zu beschreiben.

VATERLANDSVERRAT
Die militaristischen, deutsch-nationalen Tendenzen des Seminars waren für mich körperlich spürbar. Übelkeit, als laut gelacht wurde über den ironischen Vorschlag eines burschenschaftlich organisierten Kommilitonen, Kasernen doch nach Kriegsdienstverweigerern zu benennen. Bauchschmerzen, als es um die Deserteure des Zweiten Weltkriegs ging und sie wie selbstverständlich den Status Vaterlandsverräter bekamen („die haben schließlich ihre Kameraden im Stich gelassen“). Es hat Ewigkeiten gedauert, bis diese Menschen rehabilitiert wurden. Desertieren ist schließlich auch in der Bundesrepublik strafbar. Es sei an dieser Stelle an den Ausspruch des Schriftstellers Carl Sandburgs erinnert: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ und weniger wehmütig an Hitler: „Soldaten können sterben, Deserteure müssen sterben.“ Deserteure wurden verfolgt, gefoltert und ermordet vor dem Kriegsende – gedemütigt, verachtet, nie entschädigt und spät rehabilitiert nach dem Krieg. Vaterlandsverrat ist in diesem Sinne vielleicht doch ein Kompliment.

Und wenn noch Andere in dem Seminar saßen, die ein ähnliches Bedürfnis hatten, aus diesem rechten Sumpf zu fliehen, haben sie genauso wenig wie ich die Fresse aufgekriegt, weil das gefühlt einfach nicht möglich war: Der Dozent war so offensichtlich Teil dieses rechten Konsenses und die schienen auch viel mehr Ahnung von Kriegsstuff zu haben, dass ich mich fragte: Kann ich überhaupt moralisch kritisieren, wenn ich nicht weiß, welches Kriegsgerät genau bei der Schlacht um Stalingrad zum Einsatz gekommen ist? Natürlich kann ich das, nur den Mumm hatte ich nicht. Stichwort: Machtgefälle. Ich bin kein Mann in einer männlichen Runde, ich bin keine Rechte in einer rechten Runde, ich bin keine Militaristin in einer militaristischen Runde und dann muss ich auch noch bei dem Preußen da vorne eine Hausarbeit schreiben. Also: Schön Klappe halten.

GESCHICHTSPOLITIK
Die ignorante These des „Bombenholocaust“, die vom Holocaustleugner David Irving in einem nicht nennenswerten Buch über den Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurde und angebliche Tatsachen über Ilja Ehrenburg waren so Rechtsauswüchse der Geschichtswissenschaft, die – wie in den Wissenschaften so üblich – unhinterfragt und als objektive Tatsachen dargestellt wurden, vom Dozenten himself und damit WAHR.

Und all das in einem lustig-süffisanten Kumpelklima: sich gut verstehende Männer, die auch mal im gemütlichen Umfeld eines Verbindungshauses einen über den Durst trinken. Zum Kotzen. Und verdammt wirkungsvoll.

Wenn wir Nazis blockieren in Dresden und an weniger populären Orten – um ihnen zu zeigen, dass wir weder mit ihnen, ihrer Gewalt noch mit ihrem Geschichtsrevisionismus einverstanden sind, dann sollten wir auch endlich dem Geschichtsrevisionismus in Seminaren paroli bieten. Um so mehr wir sind, umso besser. Zudem wäre es auch von Nöten, endlich in Seminaren aufeinander achten, also aufzupassen und solidarisch die Schnauze aufzumachen, wenn eine_r irgendwie sexistisch oder anders unterdrückt wird. Machen wir endlich diese rechts-pseudo-intellektuellen-maskulinisten-militaristischen Spinner mit der Macht des stärkeren Argumentes und in kreativen Arten und Weisen fertig!
Ich fordere eine Art #Aufschrei (twitter) für Scheiße, die in Seminaren passiert und gemacht wird. Der Hashtag Aufschrei wurde nach dem Übergriff Brüderles gegenüber der Stern-Journalistin Laura Himmelreich eingerichtet und bietet ein gutes Bild davon, was es alltäglich bedeuten kann, eine Frau zu sein, weil irre viele Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus dort anonym veröffentlichten und Solidarität erfuhren. So etwas in der Art wünsche ich mir schon länger für Erfahrungen aus dem Uni-Alltag.
Ich bin dafür, dass wir uns mal richtig auskotzen können, um 1. strukturelle Ungleichheiten zu erkennen und 2. rechte Seminar- und Unipolitik unmöglich zu machen und 3. die Ohnmacht zu verlieren.

NO PASARAN!
Eine Kommilitonin


3 Antworten auf „Leserinnenbrief: Zeitzeugin-Dokument aus einem Mrotzek-Seminar“


  1. 1 Stephan Wirner 25. Februar 2014 um 1:06 Uhr

    Gute Sache, der Artikel. Werde ihn mir speichern. Der Marsch durch die Insitutionen ist auch meins.

  2. 2 Hans Meier Schulze 29. April 2014 um 10:01 Uhr

    Wenn man so einen derartigen Unmut über den Dozenten und die Seminarführung hat, warum sagt man nichts? Sicherlich wäre keine Menschenmasse über dich hergefallen. Leben und Gesundheit waren nicht bedroht. Gerade die Universität ist ein Ort, in dem man auch einfach mal seinen Mund aufmachen kann in den Seminaren. Ja, vielleicht gucken einen dann ein paar Mitstudenten dann komisch an und wollen mit einem nichts mehr zu tun haben, aber so what?

    Man ist der Meinung, dass man nicht mitreden kann, weil man zu wenig Informationen hat? Dann beliest man sich, schreibt sich Argumente auf und konfrontiert Seminarleiter/-teilnehmer in der nächsten Sitzung damit.

    Vor Jahren hatte ich bei Mrotzek ein Referat über Hitlers Außenpolitik in „Mein Kampf“ und den Kriegsbeginn. Da habe ich auch Leute wie Irving und Hoggan und deren Thesen zur Kriegsschuld aufgegriffen, davor gewarnt und entsprechend kritisiert.
    Mir ist daraus auch kein Schaden entstanden, weder durch Benotung, noch im Umgang mit mir in diesem oder einem anderen Seminar mit ihm.

    Und wenn einem dieses Seminar so überdrüssig ist, warum nimmt man weiterhin daran teil und ärgert sich darüber eine Hausarbeit zu schreiben? Es gibt andere Seminare mit denen man seine Module abdecken kann. Klar, es ist alles überfüllt am Historischen Insitut, ich kenne es nur zu gut, und das Semester ist dann schon gelaufen, aber es kommt ja ein neues. Wer mal ne Hausarbeit ein Semester später schreibt wie es im „Plan“ vorgesehen ist, der fällt ja nicht gleich durch die Uni.

  3. 3 finch 17. Februar 2015 um 13:36 Uhr

    „Wenn man so einen derartigen Unmut über den Dozenten und die Seminarführung hat, warum sagt man nichts?“

    Es ist ein Unterschied, ob man sich meldet und gegen eine im Seminar herrschende bzw. gegenwärtige Meinung argumentiert, die – z.B. in Form von Gelächter – Konsens zu sein scheint, oder ob man seine Meinung in Form eines Vortrages „zur Diskussion“ stellt und damit niemanden direkt angreift.
    Und auch Sexismus, den die Schreiber*in darlegt, führt dazu, dass beide Situationen nicht vergleichbar sind: Ein Mann, der kritisiert, wird unter diesen Umständen anders wahrgenommen als eine Frau.

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