Offener Brief an Ulrich Vetter, Presseprecher der Uni Rostock

Sehr geehrter Herr Vetter,
aus der aktuellen Ausgabe des Heulers haben wir erfahren, dass Sie höchstpersönlich aufgrund der über Sie in unserem Flugblatt „Extremismus aus der Mitte. Rostocker Profs und der rechte Rand“ getätigten Aussagen Strafanzeige wegen „Verleumdung“ erstattet haben. Deshalb möchten wir Ihnen mitteilen, dass wir diesen Schritt ausdrücklich begrüßen.

Beleidigende Aussagen?
Wir begrüßen diesen Schritt, denn der §187 StGB regelt zwei Dinge. Zum einen ist die „Verleumdung“ eine Sonderform der Beleidigung. Die von uns aufgestellte Aussage, sie seien Chefredakteur der NNN gewesen und dass die NNN mit ihrer Berichterstattung zum gesellschaftlichen Klima, in dem das Pogrom von Lichtenhagen stattfinden konnte, beigetragen habe, scheint Sie zu „beleidigen“.

Mediale Hetze ist nichts Gutes
In unseren Augen zeigt ihre Reaktion, dass Sie in der Lage sind, zu erkennen, dass mediale Hetze gegen Sinti und Roma nichts gesellschaftlich Wünschenswertes darstellt. Angesichts ihres Wirkens in den 90ern haben wir diese Einsicht von Ihnen nicht unbedingt erwartet. Wir freuen uns, das bei Ihnen die Reflexion über Ihre Verantwortung an den damaligen Ereignissen immerhin schon so weit fortgeschritten ist.

Wahrheitswidrig?
Allerdings sollten Sie sich nun auch noch mit dem zweiten Aspekt des § 187 auseinander setzen. Dort kommt es nämlich für die Strafbarkeit der öffentlich mittels Schrifttum getätigten Äußerung auf die wissentliche Wahrheitswidrigkeit der getätigten Tatsachenbehauptung an. Vielleicht schauen Sie noch einmal ins Archiv, was damals so alles in der NNN unter Ihrer Regie geschrieben wurde. Wenn Ihnen der Weg zu ihrer alten Zeitung zu weit ist, können Sie auch gerne die von uns als Beleg herangezogene Studie „20 Jahre Lichtenhagen- Kontext, Dimension und Folgen der rassistischen Gewalt“ zur Hand nehmen.

Verbreitung von Vorurteilen?
Auf Seite 18 wird ein am 21.7.1992 veröffentlichter LeserInnenbrief aus der NNN zitiert: „Die Asylanten leben doch schon besser als manch ein Deutscher. Es genügt, Asyl zu schreien, und sie bekommen alles, was sie brauchen, egal ob berechtigt oder nicht“. Als Resümee halten die Autoren folgendes fest: „Die Lokalpresse spielte nicht nur durch den Abdruck solcher Schriften eine nicht unwesentliche Rolle bei der Verbreitung von Vorurteilen. Roma aus Rumänien wurden regelmäßig kollektiv als Problem dargestellt“. Und als Beleg dient wiederum ihre NNN. Denn diese schrieb am 26.7.1992 „Es stinkt gen Himmel in Lichtenhagen. Einwohner protestieren gegen Camp auf Wiese“.

„Möwengrillen in Einraumwohnung“
Als weitere Belege für die Stimmungsmache der Lokalpresse finden sich dort drei weitere Verweise auf ähnliche Artikel aus dem selben Zeitraum aus der NNN, die rassistische Stereotype aufgreifen und weiter verbreiten. Als Gipfel der damaligen Hetze zitieren die Autoren der Studie wiederum die NNN, die am 14.7.1992 eine reißerisch aufgemachte Reportage brachte: „Möwengrillen in einer Einraumwohnung. Teil 2 unserer Serie: Die Aufnahmestelle für Asylbewerber“. Erwartungsgemäß dient auch diese „Reportage“ dem Verbreiten von kollektiven Stereotypen: „Alles, was glänzt, wird grundsätzlich abgebaut. Die Benutzung der Toillette ist unüblich (…). (…) auf dem Balkon gefangene Möwen drehen sich über einem Lagerfeuer aus ZAST-Möbel“ (S.18).

Schafft rassistische Gewalt Ordnung?
Und je näher das Pogrom kam, desto mehr scheint das Thema „Lichtenhagen“ zur Chefsache geworden zu sein. Vielleicht können Sie sich an ihren Artikel „In der Nacht vom Samstag auf Sonntag räumen wir in Lichtenhagen auf. Das wird eine heiße Nacht“ vom 19.8.1992 erinnern? Damals gaben Sie anonymen Drohanrufern in ihrer Zeitung ein unkritisches Podium für rassistische Hetze, indem sie titelten: „Lichtenhagener Bürgerwehr will ZAST aufräumen. Anonymer Anrufer: „Wir schaffen Ordnung“. Den Artikel, der den Anrufer breit zitiert, bewerten die Autoren der Studie folgendermaßen: „Unkritisch berichteten die beiden Rostocker Tageszeitungen auch zwei Tage später von Ankündigungen der Gewalt. Die Drohung „Am Wochenende räumen wir das Lichtenhagener Asylbewerberheim auf“, unterlegte die NNN mit einer langen Klage über Flüchtlinge und „Asylantenkinder“ sowie der Forderung nach der Schließung der ZAST“ (S.19).

Gemeine Bürger in Aktion?
Über das Verhalten der Lokalpresse nach dem Pogrom schreiben die Autoren der Studie: „Seit Beginn der Ausschreitungen hatte sie (die Lokalpresse, Anmerkung der VerfasserInnen) neben Meldungen über die Empörung aus der Politik jene Stimmungsberichte aus der Bevölkerung gesetzt, in denen die Ereignisse gutgeheißen und als notwendig empfunden wurden: „Wenn die Politiker nicht imstande sind, in Lichtenhagen für Ordnung zu sorgen, muss sich der gemeine Bürger eben selber zur Wehr setzen (…)“. Und als Beleg dafür: Ihr Artikel „Nächtlicher Angriff auf Ausländerheim“ erschienen in der NNN am 24.8.1992 (S.22).

Legitimation von Gewalt?
Weiter schreiben die Autoren der Studie über das Wirken ihrer Zeitung: „Zwischen der Reproduktion bekannter Ressentiments verschwamm in der Berichterstattung die Grenze der Legitimation von Gewalt. Schuld an den Ausschreitungen seien die Ausländer gewesen, die sich nicht angepasst, und besonders die Politiker, die sie ins Land gelassen hätten. So hieß es in einem Kommentar: „In der Asylpolitik hat sich seit einem Jahr nichts getan. Nur Geschwätz. Dafür wählt und bezahlt der Steuerzahler die Politiker jedoch nicht. Sie sollen Gesetze veränderten Situationen anpassen. Und da ist es dem Bürger egal, wer für die misslungene Asylpolitik verantwortlich ist. (…) Wenn man in Schwerin jedoch seine Häuptlinge in Bonn nicht zur Änderung des Asylrechts bewegen kann, dann muss man entweder Politik unter diesen Umständen ablehnen oder man muss für eventuelle Begleitumstände dieser Politik gewappnet sein“ (S.22). Falls Sie sich nicht daran erinnern: Erschienen ist dieser an ein Machwerk der NPD erinnernde Text am 25.8.1992 in ihrer Zeitung, der NNN.

Nachdenken über das eigenen Handeln?
Falls Ihnen das Kommentar im NPD-Sprech nicht mehr präsent sein sollte, so erinnern Sie sich vielleicht aber doch an den Tag des Erscheinens des Textes. Es ist derselbe Tag, an dem einige Menschen blutrote Farbe und Müll über den Tischen ihrer Redaktionsstube verteilten, um Sie zum Nachdenken zu bringen, was blutrote Farbe vielleicht mit ihrer Arbeit bei der NNN zu tun haben könnte.

„…die Ausländer!“
Es scheint damals vertane Lebensmühe gewesen zu sein. Denn am nächsten Tag (26.8.1992) spekulieren Sie in ihrer Zeitung öffentlich darüber, ob „die Ausländer“ dahinter stecken würden und loben die eigene angeblich „faire und kritische Berichterstattung“: „Derartige Vergeltung- diesmal von linksextremer Seite- traf nun die NNN, weil wir uns des „Verbrechens“ schuldig gemacht haben, über die Asylpolitik umfassend zu berichten, dass heißt, alle Seiten gebührend zu Wort kommen ließen“(S. 23). Klar: Mit Überschriften wie „Möwengrillen in der Einzimmerwohnung“ und „Es stinkt gen Himmel“ haben sie ganz neutral berichtet…

Extremismus der Mitte
Außerdem sollten Sie einmal schauen, wo man sich sonst auf derartige Weise als „Tabubrecher“ inszeniert, um anschließend gegen MigrantInnen und politisch Andersdenkende zu hetzen. Falls sie dabei auf ihre Interviewpartner von der „Jungen Freiheit“ stoßen: Ihre damalige Überschrift „Mit Müll und blutroter Farbe gegen die Pressefreiheit“ zur Rechtfertigung von rassistischer Hetze kommt bei denen sicher gut an. Und auch ihr dazugehöriger Kommentar: „Was Links- und Rechtsextreme eint: Die Sprache der Gewalt“ (S. 23) passt gut zum neurechten Extremismus der Mitte. Auch dort setzt man gerne eine symbolische Protestaktion, die mittels Farbe und dem u.a. durch ihre Berichterstattung hochgradig symbolisch aufgeladenen „Müll“ versucht, auf den Diskurs Einfluss zu nehmen, mit dem Anzünden von Menschen gleich.

Strafanzeige zur Entkräftung der Argumente?
Dass Sie mit diesen unappetitlichen Äußerungen, gerade in einer Zeit, in der Sie vermutlich bald ein neues berufliches Umfeld haben, nach über 20 Jahren nichts mehr zu tun haben wollen, können wir verstehen. Allerdings ist eine Strafanzeige gegen Menschen, die Sie mit ihrer eigenen unrühmlichen Vergangenheit konfrontieren, kein sehr geeigneter Weg, den Vorwurf, ein „Extremist der Mitte“ zu sein, zu entkräften.

20 Jahre spurlos vergangen?
Vielleicht sollten Sie zeigen, dass die letzten 20 Jahre nicht spurlos an Ihnen vorbei gegangen sind. Vielleicht sollten Sie sich öffentlich zu ihrer Vergangenheit bekennen und sich ebenso öffentlich kritisch zu ihren Fehlern bekennen. Das würde vielleicht auch helfen, ihre Äußerungen in der „Jungen Freiheit“ bezüglich eines an der Uni Rostock angeblich gewünschten offenen Diskurses, Transparenz und demokratischer Meinungsbildung zumindest ein bisschen glaubwürdiger erscheinen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Frank_a Schmidt
Sprecher_in der Studierenden-Initiative „Kritische Uni“ an der Universität Rostock

PS: Link zur verwendeten Studie:
http://​www.​wiwi.​uni-​ros­tock.​de/​fileadmin/​Institute/​IPV/​Informationen/​Publikationsreihe/​IPV-Reihe32.​pdf


4 Antworten auf „Offener Brief an Ulrich Vetter, Presseprecher der Uni Rostock“


  1. 1 Leserin 05. Februar 2014 um 17:11 Uhr

    In der besagten Studie heißt es auf S. 41:
    „Sahen sich die Mainstream-Medien zunächst der Kritik ausgesetzt, durch rassistische Stimmungsmache und sensationslüsterne Berichterstattung zur Eskalation der Situation in Lichtenhagen beigetragen zu haben, avancierten sie in der Nachbetrachtung auch zu wichtigen Impulsgebern für die Aufarbeitung. Dies gilt für eine Fülle von Berichten, Reportagen und Features in Printmedien und Hörfunkbeiträgen, aber auch für Produktionen aus Film und Fernsehen.“

  2. 2 LeserIn 06. Februar 2014 um 2:55 Uhr
  3. 3 Klaus Heinz 01. Dezember 2014 um 11:11 Uhr

    Herr Frank Schmidt, als Studierter schreiben Sie erstaunlich viel unsachliches oder wie der Volksmund es nennen würde: „gequirlten Mist“. Für mich sind Sie ein Zyniker und Demagoge!

    Es ist zwar Richtig das die Medien maßgeblich zu den Übergriffen auf Asylanten beigetragen haben, Herr Vetter war sicher nicht darunter. Vielleicht sollten Sie Ihre Kritik mal an RTL – NTV usw. richten, die haben damals Jugendliche dafür bezahlt, das sie „Heil Hitler“ grölten oder haben einen Betrunkenden noch mehr Alkohol gegeben, damit der mit urinierter Hose den Hitlergruß macht. Dazu haben Sie sich nie geäußert Herr Schmidt, weil es nicht in Ihrer kruden Weltvorstellungen von Schuld passte. Für Sie waren es Nazis die dieses Unrecht begangen haben. Schön wäre es wenn es so einfach wäre. Aber es waren nicht die Nazis!!
    Es waren die Anwohner, und deren Kinder die diese Unrecht begingen. Normale Bürger und Jugendliche, die in ihrem tristen Alltag Bock auf Randale hatten, waren die Haupttäter. Es wäre schön wenn wir dazu alle mal stehen würden, und Sie endlich aufhören uns einzureden, wir hätte ja keine Schuld.

  1. 1 Pressemitteilung zum Offenen Brief an Ulrich Vetter « Kritische Uni Rostock Pingback am 06. Februar 2014 um 18:03 Uhr
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