Interview mit „Kritischer Uni“ in der Jungen Welt

Die in Berlin erscheinende Tageszeitung „junge Welt“ veröffentlichte am Donnerstag, den 23.1. ein Interview mit Frank Schmidt, Sprecher der Studierenden-Initiative „Kritische Uni“. In dem Interview ging es um die Flugblatt-Aktion zu Zensur und Überwachung an der Uni Rostock anlässlich der Snowden-Podiumsdiskussion mit Christian Ströbele (
http://kritischeunihro.blogsport.de/2014/01/19/ehrendoktor-fuer-edward-snowden-zensur-und-ueberwachung-an-der-uni-rostock/ ). Das Interview ist unter dieser Ulr im Internet erreichbar:

http://www.jungewelt.de/2014/01-23/054.php

23.01.2014 / Inland / Seite 2
»Wir fragen uns, ob sie Snowdens würdig ist«
Universität Rostock will dem Whistleblower Ehrendoktorwürde verleihen – unterdrückt selbst aber Kritik. Gespräch mit Frank Schmidt
Interview: Ralf Wurzbacher

Frank Schmidt studiert Geschichte an der Universität Rostock und ist aktiv in der Studierendeninitiative »Kritische Uni« (kritischeunihro.blogsport.de)

Auf Betreiben ihrer philosophischen Fakultät schickt sich die Universität Rostock an, dem Whistleblower Edward Snowden die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Dazu hat die Uni eine Gutachterriege aus prominenten Wissenschaftlern wie Noam Chomsky, Ulrich Beck, Claus Leggewie, Micha Brumlik und dem Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele gewinnen können. Warum sehen Sie das mit gemischten Gefühlen?
Weil sich die öffentliche Diskussion allein um die Frage dreht, ob Herr Snowden eines Doktortitels würdig ist. Wir fragen uns dagegen vielmehr, ob die Uni eines Edward Snowdens würdig ist.

Warum zweifeln Sie daran?
Da ist eine gehörige Portion Doppelmoral im Spiel. Auf der einen Seite wird ziviler Ungehorsam sowie das Engagement gegen staatliche Überwachung gehypt, und auf der anderen Seite begegnet die Uni Rostock Studierenden regelmäßig mit Zensur und Überwachung. Anstatt hier in Rostock vor der eigenen Haustür zu kehren, wird ein Fall abgefeiert, der weit weg ist und mit dem man niemandem auf die Füße tritt.

Inwiefern wird an Ihrer Uni zensiert und überwacht?
Entsprechende Vorfälle füllen eine ganze Dokumentation in unserem Blog. Ich greife nur einige Beispiele heraus: Für kritische Hochschulgruppen gehört es fast zur Regel, daß ihnen für Veranstaltungen zugesagte Räume kurzfristig entzogen werden. Im vergangenen Jahr schaltete das Rektorat sogar den Verfassungsschutz ein, um eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Hochschulgruppe zu sabotieren.

Die Uni Rostock hat sich per Friedensklausel zur Ablehnung von Rüstungsforschung verpflichtet. Da aber trotzdem an militärischen Projekten geforscht wird, werden sie für »geheim« erklärt. Zum Semesterstart haben wir ein Flugblatt verteilt, das unter dem Titel »Extremismus der Mitte« über Professoren informiert, die ganz offen rechte Ideologien vertreten. Daraufhin erklärten Rektor Wolfgang Schareck und Pressesprecher Ulrich Vetter, Meinungsfreiheit gehöre zum Selbstverständnis der Uni, und erstatteten prompt Anzeige gegen die Initiatoren des Flugblattes.

Warum legt sich ausgerechnet die Uni Rostock so für Snowden ins Zeug?
Gute Frage. Jürgen Wensierki, dem Dekan der Philosophischen Fakultät, ist tatsächlich nicht abzusprechen, daß er ein engagierter und um seine Studierenden bemühter Hochschullehrer ist. Allerdings verschließt auch er die Augen vor den Problemen mit Zensur und Überwachung in seiner eigenen Fakultät. An unserer Uni finden sogar Werbeveranstaltungen für Geheimdienste, Internet- und Videoüberwachung statt.

Zensur kommt bei uns inzwischen auch in einem typisch neoliberalen-postdemokratischen Gewand daher. Vor zwei Jahren hat Pressesprecher Vetter mehr oder weniger im Alleingang das Recht, Werbung in der Uni zu plazieren, für eine Handvoll Euro an die Firma novus Marketing verkauft.

Mit welchen Folgen?
Seitdem laufen die schlecht bezahlten Angestellten des Unternehmens über den Campus und sammeln unangemeldete Aushänge und Flugblätter ein. Die Uni kann so formell die Meinungsfreiheit wahren, während novus Marketing für einen von allen kritischen Meinungen gesäuberten, klinisch reinen Campus sorgt.

Heißt all das nun, daß Sie Snowdens Würdigung an der Uni Rostock für fehl am Platz halten?
Wenn man sich anschaut, wer so alles für nichts den Ehrendoktor bekommen hat, muß man sich schon fragen, ob das überhaupt eine Würde ist. Snowdens Handeln ist definitiv vorbildhaft. Ich bin der Meinung, daß viel mehr Menschen angesichts von Staaten, die Macht gegen Menschen anwenden, versuchen sollten, Sand ins Getriebe zu streuen. Ob Protest beim Arbeitsamt oder Befehlsverweigerung in der Armee: Ungehorsam ist auf jeden Fall der erste Schritt in eine mögliche gerechtere Zukunft.

Setzt sich die Unileitung mit Ihrer Kritik auseinander?
Oh ja, das macht sie. Sie sammelt unsere Flugblätter ein und nimmt unsere Aushänge ab. Die Uni reagiert also mal wieder wie gewohnt mit Zensur auf Kritik. Und vielleicht haben wir schon bald die nächste Anzeige wegen unserer Flugblätter am Hals.