Seomiotik 3: Die Form

Als Antwort auf die Texte zu Protestformen anlässlich der Studie-Demo im November in Schwerin haben wir eine E-Mail erhalten. Ausgelöst durch die These „Nur wenns brennt, ist es richtig guter echter radikaler Protest“ haben sich bereits zwei Texte mit den Möglichkeiten von Protest beschäftigt. Nachdem bisher eher auf das Kriterium „Inhalt“ eingegangen wurde, macht sich folgender Artikel mit guten Argumenten für die Form stark. Wir freuen uns, dass Menschen tatsächlich die Möglichkeit wahrnehmen, die Diskussion zu solchen wichtigen und anspruchsvollen Themen zu suchen. Und nun weiter mit dem Text (die Überschriften wurden zur besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt):


Hallo liebe Leute von der Kritischen Uni,
mit Interesse habe ich eure Auseinandersetzung mit dem Studierenden-Protest verfolgt. Mich freut, dass sich auch in Rostock engagierte Menschen über solch komplexe Themen wie die „Semiotik“ von Protestaktionen nachdenken. Auch kann ich der im Artikel „Wenn keine Barrikade brennt…“ http://kritischeunihro.blogsport.de/2013/11/24/wenn-keine-barrikade-brennt-ist-es-kein-protest/ vertretenden Auffassung folgen. Auch ich denke, dass der Inhalt, die Botschaft, die Message das Entscheidende bei der politischen Beurteilung von Protesten sein sollte. Allerdings glaube ich, so nachvollziehbar eure Argumentation betreffend dem Anzünden von Sachen auch sein mag, eure Schlussfolgerung, dass die Form von Protest egal sei, einige blinde Flecken hat. Ich werde das im Folgenden auswalzen.

Ist Flugblatt verteilen Radikal?
Wenn ihr mit eurer These, das Inhalt zählt und Form egal sei, Recht habt, dann wäre eure Aktion vielleicht ein Paradebeispiel für Radikalität (warum ist euch Radikalität eigentlich so wichtig?). Ihr verteilt bloß Flugblätter, und die ganze Uni redet drüber. Aber wenn man genau hinschaut, dann stellt man fest, dass euer Flugblatt eigentlich überhaupt nicht „radikal“ ist. Es enthält nicht eine einzige Forderung. Es vertritt keine utopischen Positionen. Alles was ihr tut, ist, darauf hinzuweisen, dass es an der Uni Dozenten gibt, die rechte Ansichten vertreten, rechten Vereinigungen und Burschenschaften nahestehen und die sog. „Extremismustheorie“ hypen. Ohne euch zu Nahe treten zu wollen: Die beeindruckende Rezeption eures Flugblattes muss an anderen Gründen liegen, als an der vermeintlichen Radikalität der vertretenden Inhalte.

Die Form ist auch wichtig
Und ich bin sicher, dass es einen Unterschied macht, ob ihr euer Flugblatt in der Mensa oder in der Kröpeliner Straße verteilt. In der Fußgängerzone werden die meisten Menschen euer Flugblatt nichtmal beachten. Es wird euch keiner zuhören. Ein Inhalt kann also in einer anderen Umwelt ganz anders aufgenommen werden als in einer anderen. Das verweist in meinen Augen darauf, dass neben dem Inhalt auch das Publikum eine Rolle spielt. Und mit dem Publikum kommt der Protestform im Sinne von „Dareichungsform“ als Medium zwischen Protest und Publikum eine Bedeutung zu, die bei all dem Richtigen, was ihr über die Wichtigkeit des Inhaltes sagt, trotzdem nicht ignoriert werden darf.

Gesellschaftliche Sagbarkeitsfelder
Um zur Sache zu kommen: In meinen Augen gibt es sowas wie gesellschaftliche Sagbarkeitsfelder. Diese gesellschaftlichen Sagbarkeitsfelder bestimmen, welche Handlungsoptionen in einem bestimmten gesellschaftlichen Feld (nach Pierre Bourdieu ein beliebig teilbarer Teil der Gesellschaft) als angemessen gelten. Und dies wird von den an Gesellschaft Beteiligten über die in der kulturellen Grammatik festgelegten Normen und Werte verinnerlicht.

Übertretung der Sagbarkeitsfelder
Konkret bedeutet das, dass eure Flugblätter an der Uni nur so viel Wirbel machen, weil ihr neben dem Inhalt auch massivst gegen die ungeschriebenen Regeln in der Uni verstoßen habt und mit euer an „öffentlichen Majestätsbeleidigung“ grenzender Kritik die Grenzen der Sagbarkeitsfelder massiv überschritten habt. Unsere Uni ist so unpolitisch, langweilig und autoritär verfasst, dass bereits das Verteilen von Flugblättern, die ohne jegliche Forderung bloß zu Recht und belegbar rechte Profs kritisieren, bereits für einen mittleren Skandal sorgen (Das muss man sich mal reinziehen: Im 21. Jahrhundert in einer westlichen Demokratie wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, weil Studierende Flugblätter verteilen. Das wäre eigentlich nochmal ein thema an sich…). Erklärbar ist diese Übereaktion nur, von man neben des Inhaltes auch die Protestform und das (in diesem Fall absolut a-politische) Umfeld betrachtet, indem die Story abläuft.

Fazit
Also: Wie ihr richtig feststellt, ist der Inhalt entscheidend für die Rezeption und Richtung von Politik. Damit Inhalte wahrgenommen werden, müssen sie aber auffallen. Und Auffallen tun Inhalte nur, wenn die Form im wahrsten Sinne des Wortes den gesellschaftlichen Rahmen sprengt. Wie das dann konkret aussieht, hängt von den Rahmenbedingungen ab. An unserer Uni mögen zur Zeit Flugblätter per se ausreichen, um Beachtung zu erhalten. In der Kröpeliner Straße oder gar bei einem Thema auf Bundes- oder EU-Ebene muss da schon was anderes her, damit das Publikum hinschaut. Und bei einen internationalen Großereignis wie einem G8-Gipfel bleiben vielleicht nur das kollektive „Sich-daneben-Benehmen“, um wahrgenommen zu werden.