Antwort auf Leser_innenbrief

Am 5. November schrieb uns ein Geschichtsstudent einen kritischen Leser_innenbrief, in dem er die die Flyeraktion zum Anfang des Semesters als übermotiviert und verallgemeinernd darstellte.
http://kritischeunihro.blogsport.de/2013/11/05/leserinnenbrief-zur-flugblattaktion/
Unsere Antwort an ihn wollen wir euch nicht vorenthalten.


Lieber …,

ich freue mich, dass du den Flyer gelesen hast und dir deine Gedanken dazu machst. Trotzdem kann ich deine Kritik nicht einfach dankend annehmen, da ich durchaus überzeugt bin, dass die auf dem Flyer geäußerte Kritik angebracht war und ist.
Ich meine aus deinem Leserbrief zu verstehen, dass dein Hauptvorwurf darin besteht, dass Flaig mit den anderen Harmlosen/-loseren nicht zu vergleichen sei. Das stimmt auch: Jeder der aufgeführten Dozenten wird auf dem Flyer einzeln angebracht und bekommt seine ihm ganz individuell zugeschnittene Kritik.
Es freut mich, dass du die vorgetragene Kritik an Flaig weitgehend teilst.

Kontroverse zu Ilja Ehrenburg „Töte“
Bei Sens bleibt jedoch unsere Haltung, dass sein Buch „Ilja Ehrenburg „Töte““ in der rechten Bücherecke zu verorten ist. Es wird sich immernoch darum gestritten, ob Ehrenburg die Schrift „Töte“ zugeschrieben werden kann (dass Goebbels das behauptete, reicht als Beweis nicht aus), außerdem wird in der Ehrenburg-Forschung von der Seite verschwiegen, dass seine zu Gewalt aufrufenden Motivationschriften an die Rote Armee in einer Situation entstanden sind, als Wehrmacht und SS bereits mitten in Russland standen mit vorrauseilenden Berichten über die Blut- und Boden-Kriegsführung. Ehrenburg als Jude und Sowjet – nach faschistischer Ideologie doppelt „Untermensch“ – wusste zudem, wie entmenschlicht er und seine Mitbürger_innen betrachtet wurden. Der in seinen Schriften durchschlagende Hass auf die Wehrmacht und auch auf Deutsche ist in diesem Kontext vielleicht verständlicher.

Seminarpolitik
Mrotzek für seinen Teil drückt seine Meinung genauso in seine Seminare wie Flaig. Da wird seinerseits zum Teil zensiert und sanktioniert, was die Benutzung ihm nicht genehmer, linker Literatur angeht. In seinem Seminar zum Zweiten Weltkrieg kommen militaristische Tendenzen genauso zum Tragen, wie die Propagierung der Opferlast der (deutschen) Vertriebenen – die thematisch einen überdurchschnittlich großen Raum in diesem Seminar einnehmen. Dafür gibt es keine Sitzung zur Shoa.
Bei Müller ist ein großes Problem die sehr einseitige Anprangerung der DDR als Unrechtssystem – wenn ein Unrechtssystem sich dadurch definiert, dass die gegebenen Rechte unrecht sind. Aber das tut es nicht. Auch in der Bundesrepublik gab es Recht (manche Paragraphen waren „besser“, andere – zum Beispiel diese bezüglich der Frauenpolitik – „schlechter“ als in der DDR). Ein Recht, dass mitunter gebogen und gebrochen wurde – so zum Beispiel in den RAF-Prozessen.
Müller – Sozi hin oder her – erzählt die Siegesgeschichte der guten Bundesrepublik gegenüber der bösen DDR mit Happy End – was meiner Meinung nach keiner Annäherung an eine vollständige Geschichtsschreibung entspricht.
Mehr Kritik zu einer Vorlesung bei Prof. Müller findest du hier http://​queerkopf.​blogsport.​de/​2011/​11/​28/​wer-von-kapitalismus-nicht-redet-schweigt-zu-demokratie/​

Printpolitik
Zu Gallus ist auf dem Flyer kein Wort davon zu lesen, dass er die Studierenden in den Seminaren beeinflussen würde. Das Beeinflussen passiert gezielt (oder nicht) durch die Zeitschrift „Extremismus&Demokratie“, bei der er Mitherausgeber ist. Diese (re)produziert die von uns kritisierte Extremismustheorie für die geisteswissenschaftlichen Leser_innen.
Und genau deswegen denke ich nicht, dass wir übermotiviert in die Kampagne gestartet sind und auch nicht ohne Beweise. Alles, was auf dem Flyer zu lesen ist, kannst du hartnäckig ergooglen und im Print recherchieren. Ich möchte dir trotzdem nochmal danken, dass du deinem Drang, dich dazu zu äußern, nachgegangen bist. Auch diese Erwiderung muss nicht so stehen bleiben, so dass ich mich über eine aktualisierte Antwort deinerseits freuen würde.

J.