„Wenn keine Barrikade brennt, ist es kein Protest“?

In der Kommentarspalte zum Artikel „Über die Semiotik von Studierenden-Demos“ findet sich ein Eintrag, der dem Tenor des Textes zustimmt. Allerdings postuliert das Kommentar anschließend die These „ Wenn keine Barrikade brennt, ist es kein Protest“ ( http://kritischeunihro.blogsport.de/2013/11/16/ueber-die-semiotik-von-studierenden-demos/ ). Der folgende Text versucht, zu diskutieren, was „Protest“ und „radikal“ eigentlich bedeuten Darüber hinaus wird die Frage gestellt, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen „Protest“ „radikal“ sein kann.

Was ist „radikal“?
Im ethymologischen Ursprung stammt „radikal“ von lateinisch „radex“ her. „radex bedeutet soviel wie „Wurzel“. Wir haben es bei der Zuschreibung „radikal“ mit einer Metapher zu tun. Die FrühsozialistInnen benutzten es bereits im Sinne von „dem Übel an die Wurzel gehen“. Diese Herleitung soll hier für das Wort „radikal“ ebenfalls gelten. Hier soll versucht werden, zu untersuchen, wann eine Protestform „dem Übel an die Wurzel“ geht. Die Frage, die sich offensichtlich stellt, ist, wann eine Protestform „subversiv“, „gesellschaftsverändert“ „emanzipatorisch“ auf die gesellschaftlichen Verhältnisse wirkt.

Sind brennende Barrikaden radikal?

Zur Beantwortung der Frage, ob brennende Barrikaden radikal sind, genügt ein Blick in die Welt. Dort gibt es haufenweise Proteste, die wie im „französischen Modell“ brennende Barrikaden als Ausdrucksform verwenden, und beim besten Willen nicht emanzipatorisch sind. Erwähnt seien die nationalistischen Spediteursverbände, die mit brennenden Barrikaden gegen die Öffnung von Grenzen protestieren. Erwähnt seinen die Auseinandersetzungen in Nordirland, bei der die jeweils eine Fraktion von christlichen FundamentalistInnen mit brennenden Barrikaden gegen die Aufmärsche der jeweils anderen christlichen FundamentalistInnen vorgeht. Und Sperrmüll auf der Straße anzünden ist derart unterkomplex, dass das selbst deutsch Neonazis hinbekommen.

Vielleicht doch?
Doch gibt es auch gesellschaftliche Kämpfe, in denen brennende Barrikaden Ausdruck emanzipatorischen Protests sind. Hier sei an die Kämpfe der mittellosen Landbesetzer in Südamerika erinnert, die sich zur Durchsetzung ihres Rechtes auf Lebensmittelsouveränität zur Verhinderung von Räumungen ebenfalls brennender Barrikaden bedienen. Im Ghetto von Warschau 1944 verwendeten die gegen die Vernichtungspläne der Wehrmacht aufbegehrenden Aufständischen ebenfalls brennende Barrikaden, um die Mobilität der deutschen Killerkommandos einzuschränken.

Inhalt statt Form betrachten
Es zeigt sich, dass die Protestform nicht ausschlaggebend sein kann für eine Beurteilung der Frage der Radikalität. Im Gegenteil, es scheint, als ob mit dieser Betrachtungsweise entscheidende Elemente der politischen Semiotik unberücksichtigt bleiben. Die Frage nach dem emanzipatorischen Gehalt von Protest scheint zum Beispiel am Kontext zu hängen. Im der Situation der jüdischen Aufständischen angesichts der reinsten Ausgeburt des deutschen Nationalbewusstseins billigt diesen wohl jeder den Aufständischen die Legitimation zu, noch viel gemeinerer Sachen als „brennende Barrikaden“ dem Faschismus entgegen zu stellen.

Inhaltliche Vermittelung
Darüber hinaus verweist die Argumentation auf etwas Weiteres. Die These, dass der Aufstand gerechtfertigt sei, war 1944 bei weitem weder im Reich noch im Ghetto gesellschaftlicher Konsens. Es müssen also seitdem Vermittlungseffekte stattgefunden haben, die heute erklären, warum der Aufstand legitim war. Das zeigt: Protestakteure müssen einen bisher unbeteiligtem Publikum erklären können, warum ihre Aktion richtig und wichtig ist. Und wenn diese Argumentation im Gegensatz zu rechtem Quark in der Lage ist, die Legitimation von bestehenden Herrschafts- und Diskriminierungsstrukturen anzukratzen, wird Protest radikal. Die konkrete Protestform ist dann eine reine Frage der taktischen Wahl in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation.

Gesellschaftliche Impulse
Für die Frage der Radikalität einer Protestform ist der politische Inhalt entscheidend. Denn der Inhalt ist der gesellschaftliche Impuls, über den verhandelt werden kann. Die Form ist lediglich Mittel zum Zweck, um Aufmerksamkeit für das jeweilige Anliegen zu schaffen.


2 Antworten auf „„Wenn keine Barrikade brennt, ist es kein Protest“?“


  1. 1 Faraday 25. November 2013 um 0:12 Uhr

    Der letzte Satz in meinem Kommentar war eigentlich eher ironisch gemeint. Worauf ich dabei hinauswollte ist eher dass sich durch Latschdemos nichts ändert. Matze B. interessiert das sowieso nicht und die Presse zeichnet sich durch das Langzeitgedächtnis eines Goldfisches aus.
    Also wie erzeugt man öffentlichen Druck? Durch die drölftausendste Definitionswiederholgung von „radikal“?

  1. 1 Seomiotik 3: Die Form « Kritische Uni Rostock Pingback am 17. Dezember 2013 um 3:24 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.