Über die Semiotik von Studierenden-Protesten. 2. Teil

„Studenten-Demo: Die Wut auf ihrem Höhepunkt“ titelte der NDR nach der Studierenden-Demo am 5.11.13 in Schwerin. Doch ist dem Wirklich so? Mit einem weiteren Blick auf die Formensprachen des Protestes wollen wir der Semiotik von Studierenden-Demos weiter nachspüren.

Der Herr Minister möge sich beschäftigen…
Was tut der Mecklenburger Studierende in seiner Not? Er macht eine Pedition. Der Herr Minister möge sich beschäftigen. Diese lässt er dann von ganz vielen Leuten unterschreiben und zieht mit ganz vielen anderen Studies zur Staatskanzlei in Schwerin. Dort wird sich dann in aller Wut brav im Kreis aufgestellt und gewartet. Gewartet, ob der Herr Minister sich mit dem eigenen Anliegen beschäftigen möge.

Wie zu Zeiten des Herzogs?
Als Betrachter fragt man sich angesichts dieses Rituals unwillkürlich, ob sich den seit des Herzogs Zeit (Gott sei seiner armen Sünderseele gnädig) nichts verändert habe. Wie eh und je leben die (noch) subalternen Studierenden in einer Welt, in der die Gestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft höchst asymetrisch verteilt sind. Laut den Zahlen des aktuellen Armutsberichtes der Bundesregierung verfügen die oberen 5% der Gesellschaft über 47% des Eigentums, während sich die unteren 50% der Gesellschaft mit 1,6% des Vermögens zufrieden geben müssen. Wahrscheinlich sah die entsprechende Statistik zu Lebzeiten des seeligen Herrn Herzogs nicht wirklich schlechter aus. Darüber hinaus gibt es einen riesen Haufen hinter den Kulissen des demokratischen Regimes versteckter Herrschaftsmechanismen, die die Diskriminierung weiter Teile der Bevölkerung verstärken. Diese asymetrischen Machtstrukturen, die das Herrschaftssystem Demokratie durchziehen, erklären, warum sich die heutigen kürzungsbedrohten Studierenden nicht anders Verhalten als der brotlose Pöbel vor 100 Jahren.

Der Unterschied?
Doch es gibt einen Unterschied. Bei seiner Exzellenz, dem Erzherzog, verschleierte der offizielle Legitimationsnarativ die ungerechte Verteilung des Einflusses auf gesellschaftliche Ressourcen und Entscheidungen nicht. Die Ungleichheit der Menschen im Einfluss auf die gesellschaftlichen Ressourcen wurde völlig offen als gesellschaftlich „gut und wünschenswert“ dargestellt und als „gottgegeben“ legitimiert.

Moderne Propaganda mittels „Dialog“
Heute wird der Zusammenhang zwischen Eigentum und Einfluss mit Demokratie- und Rechtsstaatspropaganda verschleiert. Eine Methode dafür ist die Inszenierung von Dialog. Jede, die es schon mal ernsthaft versucht hat, weiß, dass trotz aller Gleichberechtigungspropaganda im demokratischen Regime die Mächtigen nicht verhandeln müssen, sondern ihre Interessen gegenüber Subalternen einfach durchsetzen können. Weil das aber schon damals beim Herzog auf kurz oder lang zu Problemen führte, wird dieser Fakt heute tunlichst verschleiert.

Derweil vor dem Märchenschloss
Dieses Element findet sich auch in der Semiotik des Schweriner Studierendenprotestes. Denn der Pöbel steht nicht einfach rum, er wartet. Er wartet, dass sich der Herr Minister zum Gespräch zeigen und die Pedition entgegen nehmen möge. Mit dieser Semiotik des „Gespräch suchen“ tragen die OrganisatorInnen der Demo ihren Teil dazu bei, die Lüge von der Möglichkeit von fairen Verhandlungen in asymetrischen Machtstrukturen zu bekräftigen und als gesellschaftlichen Narativ weiter zu erzählen.

Die andere Seite
Doch auch der Herr Minister trägt seinen Teil zur Inszenierung bei (bzw. in Schwerin der Herr Staatssekretär, weil der Herr Minister leider keine Zeit hatte). Der Herr Staatsekretär verlässt also seinen Herzöglichen Palast. Doch er geht nicht sofort zur Demo. Es bleibt auf dem gigantischen Portal seines Palastes wie anno dazumal der Herr Herzog stehen und blickt mit deutlicher Distanz weit über dem subalternen Studierendenpöbel stehend auf diese herab. Wie ehedem der Herr Herzog nimmt der Politiker die Ehrenbezeugung in Form des Blitzlichtgewitters der Medien entgegen. Noch ein kurzer sakraler Moment über den Massen und dann begibt er sich die Stufen hinab zum anführenden Aufrührer des Studierendenprotestes um diesen smalltalkhaltend medienwirksam die Hand zu schütteln. Die Pedition wird übergeben. Geklatsche. Der Mob ist zufrieden mit seiner Obrigkeit. Von Wut keine Spur mehr.

Inszenierung zur Verschleierung von Hierarchien
Diese regelmäßig ablaufende perfekte Inszenierung tut so, als gäbe es die die Gesellschaft durchziehenden Hierarchien überhaupt nicht. Die Inszenierung erweckt den Eindruck, als ob im demokratischen Herrschaftsregime ein Subalterner wie selbstverständlich Gehör bei den Mächtigen fände und zwischen den beiden Klassen Gespräche auf Augenhöhe möglich seien.

Unterstützung der Mächtigen
Wenn man bei dem Wut-Artikel des NDR bleiben möchte, lässt sich die rhetorische Figur des Herzog-Vergleiches sogar noch weiter dehnen. Denn weiter unten im Artikel wird die Autoritätshörigkeit der Proteste sogar deutlich ausformuliert. Dort heißt es: „ Vor dem Schloss hielten die rund 2.000 Studierenden derweil ihre landesweite Vollversammlung ab. Diese war nach Schwerin verlegt worden, um dem Vortrag der Rektoren mehr Nachdruck zu verleihen.“ Der Satz gibt die Realität gut wieder. Selbstverständlich haben die Hochschuldirektoren als neue Adlige im postdemokratischen Staat wenig Lust, Kürzungen an ihren Pfründen hinzunehmen. Und werden dann wie eh und je die Menschen, die zu den jeweiligen Semi-Eliten in Abhängigkeit stehen, instrumentalisiert, um die eigenen Machtbasis gegen den Zugriff der Chefetage aus dem Bildungsministerium zu verteidigen. Ironischer Zufall, dass das Gremium für sowas damals wie heute den Namen „Landtag“ trägt.

Der Text beim NDR:
http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/universitaeten104.html