Über die Semiotik von Studierenden-Demos

Befragt man die Teilnehmenden der Studie-Demo gegen die Kürzung der Hochschulmittel am 5.11.2013 in Schwerin, dann war die Demo ein großer Erfolg: Viele Leute, gute Stimmung, ordentlich Krach. Doch darüber hinaus soll hier versucht werden, einen kritischen Blick auf die politische Zeichensprache des Studierenden Protestes werfen.

Die Semiotik
Eine Demonstration vermittelt ihr Anliegen über verschiedenen Zeichen und Zeichensysteme. Dazu gehören z.B. Parolen, Flugblätter, Spruchbanner und Redebeiträge auf Kundgebungen. Bei diesen Elementen viel auf, dass sie großteils nicht vorhanden waren. Das Verteilen von Flugblättern an PassantInnen, die das Anliegen der Demo erklären könnten, fand z.B. nicht statt. Auf Parolen wurde ebenfalls verzichtet. Lediglich unter lauten Krach aus verschiedenen dafür mitgebrachten Hilfsmitteln zog die Demo durch die Schweriner Innenstadt. Banner gabs sehr wenige. Und unter den vorhandenen fanden sich Parolen wie „Ich bin so sauer, ich hab sogar ein Schild gemacht!“

Der Narative „Verwertbarkeit“
Auffallend an den auf der Kundgebung vor Schloß größtenteils von Studierendenvertretern gehaltenen Redebeitragen war zwei Master-Erzählungen. In fast jeder Rede fand sich das Topoi der Verwertbarkeit. In gnadenloser Unkritik der Umwelt, in der sie leben, bettelten die Studierendenvertreter die Landesregierung an, den Geldhahn nicht zuzudrehen, da dies die Verwertbarkeit der Studierenden auf dem Arbeitsmarkt gefährden würde. „Karolin aus Wismar spricht gerade von schlechter Work-Life-Balance in MV. Universitäten und Hochschulen könnten da gegensteuern. Das Land tue aber zu wenig und nutze seine Chance nicht“ (zitiert nach dem Webmoritz-Live-Ticker). In fast rühriger Weise zeigten die StudierendenvertreterInnen auf, wie bereitwillig die kommende gut ausgebildete Generation ihre Lebenskraft in die Aufrechterhaltung der Planetaren Arbeitsmaschine einspeisen möchte.

Der Narativ „Standtort“
Das zweite große Topoi, dass den Studierenden am Herzen lag, war der Standortnationalismus. Die Hochschulen seien wichtig für das ganze Land, da sie junge Leute in MV halten würden bzw. anziehen täten. Und nur mit jungen Leuten sei der demographische Wandel zu stoppen, der das Land bedrohe. Stephanie Bachmeier, Vorsitzende des AStA der Hochschule Wismar beklagt, dass es zu viele befristete, statt unbefristete Arbeitsverträge gebe. “Wir müssen Anreize schaffen, dass die Studenten nach dem Studium in MV bleiben.” (*4). “Es ist die einzige Chance des Bundeslandes, die Hochschule zu halten und somit gegen die Vergreisung und den Arbeitskräftemangel von MV zu wirken”, warnt der Vertreter der LKS, Erik Marlottki. (*4). Hier inszenieren sich die kommenden Hochgebildeten in guter alter Tradition als die RetterInnen des bedrohten Vaterlandes, die selbstverständlich bei Studieren nur im Kopf haben, eine Familie nach klassisch-konservativen Wertvorstellungen zu gründen und auch ihre Sexualität mittels Kinder kriegen in den Dienste des Vaterlandes zu stellen.

Linke Begleitung
Selbstverständlich dürfen auf einer Studie-Demo auch die Reden der linken Hochschulgruppen nicht fehlen. Und na klar wurden die zaghaften Versuche z.B. der Linksjugend, auf die eigenen weiße biodeutsche bildungsnahe Privilegiertheit im deutschen Bildungswesen hinzuweisen, auch brav beklatscht. Auf einem Volksfest klatscht man eben für alles. Und es ist auch gut fürs Gewissen, sich nochmal zu zeigen, wie reflektiert man sei und außerdem gehört das Solidaritätsblabla ja irgendwie genauso dazu wie die Fürbitten an die Armen zum Gottesdienst. Man macht es jeden Sonntag, aber dann wars das auch, mit an die Armen denken.

Empfehlung für Höheres
Hier empfehlen sich kommenden Möchtegern-Eliten des demokratischen Regimes für Höheres. Es ist schon beeindruckend, wie man es schafft, in einem Land, das zu den reichsten (und ausbeutendsten) Ländern der Welt gehört, nicht zu fragen, wo eigentlich die ganze Kohle landet, und ob die gesamte Ausrichtung sämtlicher Lebensbereiche am Kriterium der ökonomischen Verwertbarkeit nicht völliger Blödsinn ist.

(*4) Webmoritz http://webmoritz.de/2013/11/05/liveticker-von-der-schwerin-demo/


2 Antworten auf „Über die Semiotik von Studierenden-Demos“


  1. 1 Faraday 17. November 2013 um 11:08 Uhr

    Ich stimme zu, insgesamt sind die Studenten alle zu brav. Die Demo wird genauso wenig bringen wie diejenigen von 2005(?). Hier und da ein paar Zugeständnisse, aber insgesamt geht der Ausverkauf weiter.
    Und unser apolitischer Asta kann sich wieder mehr darum kümmern unsere Kohle für irgendwelchen Brot-und-Spiele Blödsinn auszugeben.
    Warum nicht das französische Modell? Wenn keine Barrikade brennt, ist es kein Protest.

  1. 1 „Wenn keine Barrikade brennt, ist es kein Protest“? « Kritische Uni Rostock Pingback am 24. November 2013 um 21:24 Uhr
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