„Neues Deutschland“ berichtet über den Rostocker Extremismus der Mitte

Unter dem Titel „Rostocker Historikerstreit“ berichtete die Tageszeitung „neues deutschland“ am Montag, 11.11.13 über die Flugblattaktion zum „Extremismus der Mitte“.

Der Artikel beim neuen deutschland:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/914445.rostocker-historikerstreit.html

Kurzfassung:
http://www.presseportal.de/pm/59019/2595152/neues-deutschland-uni-rostock-zeigt-anonyme-flugblattschreiber-an

Neues Deutschland, 11.11.13, Inland, S. 14:

Rostocker Historikerstreit
Nach einem Flugblatt über rechte Geschichtsdozenten stellt die Universität Strafanzeige gegen unbekannt

Von Velten Schäfer

Das historische Institut in Rostock ist bekannt für rechtslastige Dozenten. Nun verfolgt die Universität die Autoren eines Flugblatts, das dies anspricht – mit Ansage ausgerechnet in der »Jungen Freiheit«.

Ist hier der Nestbeschmutzer? Erstsemesterimmatrikulation in Rostocks Marienkirche
Foto: dpa

Dr. Ulrich Vetter ist zunächst sehr defensiv. »Wir werden uns zu der Sache jetzt nicht äußern«, sagt der Pressesprecher der Rostocker Universität, »das bitte ich zu respektieren«. Man müsse erst einmal »Ruhe in die Sache hineinbringen«.

»Die Sache« ist ein unter Pseudonym kürzlich an der Uni Rostock verbreitetes Flugblatt, das Studierende vor namentlich genannten Geschichtsdozenten warnt. Diese würden die Autorität des Katheders dazu benutzen, »rechtspopulistische« und »sozialdarwinistische« Meinungen zu predigen. Doch dass Vetter dazu zunächst nichts sagen will, ist neu: Schließlich hatte er bereits der Rechtspostille »Junge Freiheit« mitgeteilt, das Flugblatt sei ein Fall für den Staatsanwalt.

Später am Tag gibt es dann doch eine Stellungnahme, die deutlich macht, was man an Rostocks Alma Mater unter »Ruhe hineinbringen« offenbar versteht: polizeiliche Kriminalisierung von kritischen Meinungsäußerungen. Die Rostocker Uni habe tatsächlich bereits »gegen die Verfasser und Verbreiter des Flugblatts bei der Staatsanwaltschaft Rostock Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht«. Laut Vetter kämen hierbei gleich »mehrere Straftatbestände« in Betracht, genauer geht es leider nicht wegen des laufenden Verfahrens. Diskussionen? Ja, gerne. Doch seien »Flugblätter, E-Mails und Internetseiten mit persönlichen Vorwürfen gegen Wissenschaftler und Mitarbeiter der Universität, deren Urheber auf genauere Angaben zu seiner Person lieber verzichtet (…), kein akzeptables Format für diesen Diskurs.«

Das ist starker Tobak, besonders der Punkt mit den »persönlichen Vorwürfen«. Denn im Flugblatt »Extremismus der Mitte: Rostocker Profs und der rechte Rand« geht es nicht um sensible Personalia, sondern um eine Auseinandersetzung mit von Dozenten öffentlich – an der Universität wie jenseits derselben – geäußerten, dezidiert politischen Stellungnahmen. Hochschullehrer, die sich in teils hoch emotionalisierten stadt- oder allgemein politischen Fragen hervortun und dabei, ob nun nolens oder volens, den Namen der Rostocker Universität benutzen, um die Relevanz ihrer persönlichen Meinung zu unterstreichen, dürfen also an derselben nicht ebenso öffentlich kritisiert werden?

Es wird interessant sein zu beobachten, wie die Staatsanwälte reagieren. Anzeigen von Universitäten gegen mutmaßlich Studierende wegen des Wortlauts derartiger Flugblätter sind seit einigen Jahrzehnten eigentlich nicht mehr üblich – an vielen Hochschulen würde allein die Idee für einhellige Empörung sorgen. Wer sich fragte, weshalb die Flugblattautoren es vorzogen, anonym zu bleiben, ist nunmehr im Bilde.

Worum aber geht es genau in dem inkriminierten Flugblatt? Die anonymen Verfasser setzen sich wertend und teils polemisch, aber nicht ohne zumindest diskutable sachliche Bezüge mit publizierten oder im universitären sowie außeruniversitären Rahmen abgegebenen Statements auseinander. Genannt werden dabei mehrere Lehrende am historischen Institut. Etwa Dr. Fred Mrotzek von der an der Uni angesiedelten »Forschungs- und Dokumentationsstelle des Landes zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland«. Immer wieder exponiert sich Mrotzek auch außerhalb der Hochschule – wie zum Beispiel in einer lokalen Debatte um
eine Umbenennung der Rostocker Ilja-Ehrenburg-Straße. Mit der 2011 herausgegebenen Broschüre »Ilja Ehrenburg: Töte« machte er sich sogar zur Galionsfigur dieser Initiative.

Fachlich ist die Kompilation nur dünn zu nennen: Sie reduziert den Weltliteraten (»Die Liebe der Jeanne Ney«, »Tauwetter«) auf einen Hassprediger, statt eine dringend anstehende Quellenkritik zu leisten.

Auch die öffentliche Vorstellung dieser Publikation, der stadtbekannte Neonazis beiwohnten, war nach Augenzeugenberichten nicht von wissenschaftlicher Kultur geprägt. Gegen Ehrenburgs wenige Verteidiger – zu denen an der Uni etwa die Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) zählt – wurde dort ein überaus aggressiver Ton angeschlagen. Und Mrotzek, der eine Krawatte mit dem Emblem der »Landsmannschaft Ostpreußen« trug, intervenierte als Mitherausgeber nicht. Will die Uni in solcher Weise sichtbar sein? Bewegt sich die Flugblattbehauptung, Unileute hätten einer »antisemitisch konnotierten« Kampagne »sekundiert«, in diesem Zusammenhang jenseits der zulässigen Meinungsäußerung?

Weiterhin im Flugblatt genannt werden etwa Ingo Sens, ein Mitherausgeber der Ehrenburgbroschüre – und der Althistoriker Egon Flaig, der wissenschaftlich freilich ein ganz anderes Kaliber darstellt. Gelegentlich beruft Flaig sich auf Lehrjahre bei Pierre Bourdieu oder gar die antifaschistische französische Historikerschule der »Annales«, die in Deutschland viel zu wenig beachtet wird. Doch hätten deren Köpfe als Theoretiker einer »offenen Geschichte« jemals wie kürzlich Flaig in einem Interview mit dem studentischen Magazin »Heuler« eine Art Kulturkampf gegen den »Scharia-Islam« ausgerufen? Der 1944 als Widerstandskämpfer ermordete Marc Bloch und der 1956 verstorbene Lucien Febvre stünden in der heutigen Situation wohl kaum aufseiten einer wohlfeilen »Islamkritik«.

Vor derartigen Auslegungen müssen Studierende tatsächlich dringend gewarnt werden. Sie könnten sie nach einem etwaigen Universitätswechsel nämlich den einen oder anderen Leistungspunkt kosten.


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